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Where the streets have no name

Ich habe einen Ohrwurm. Wie so oft, wenn ich Fahrrad fahre. Zu C.s Leidwesen handelt es sich bei den Liedern in meinem Kopf meistens um Werke der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, und außerdem singe ich laut mit (…einmal kurz aufs Gas und schon bin ich da-da…). Das war am Sonntag, als die Schicke Mütze zu “Schotter, Kies & Moos 2019 – die Gravelrunde in Düsseldorf” eingeladen hatte, anders. Aus gegebenem Anlass klingelte U2 durch mein Hirn.

“Schlagloch, Berg & Schinderei” hätte es korrekt heißen müssen.  (Fotos: Martin)

The city’s a flood
Ehrenflamingo Martin und ich erhalten im Mützenhof letzte Instruktionen (für unterwegs) und Ventilkappen (für den Fährmann) und rollen in das graue Düsseldorfer Nass. Wir verirren uns bereits auf der Graf-Adolf-Straße, weil der Dauerregen mein Wahoo-Display überschwemmt. Erstaunlicherweise cruisen wir schon vor dem Grafenberger Wald über erste Gravelpassagen. Weniger hingegen erstaunt mich die Tatsache, dass Wasser bereits jetzt aus meinen Schuhen schwappt und die Windjacke unschön an meinen nackten Armen klebt. Doch ich weiß ja: Crosser sind die Härtesten und wenigstens ist es recht warm.

I want to feel sunlight on my face
Sonnenschein geht anders, aber auf unserem Weg bergauf, vorbei am Golfplatz und auf einen Höhenzug (jawohl!) mit vermutlich herrlichem Blick auf Düsseldorf, verzieht sich die bleifarbene Regenwand langsam. Wir poltern über Wirtschaftswege, rumpeln über Feldwege. Oder wie Carsten von der Schicken Mütze schreibt: “Es gibt auch Wegstrecken über befestigten Untergrund. Wir haben jedoch darauf geachtet, dass der dann möglichst schlecht ist.”

Schlechte Wege sollt Ihr fahren…

I want to tear down the walls
Am Straßenbelag der Serpentinen bergab gibt es indes nichts zu beanstanden, allerdings zollen leider einige Fahrerinnen und Fahrer der Nässe Tribut (Gute Besserung an dieser Stelle!). Ehrenflamingo Martin kann nach seinem Sturz Gott sei Dank direkt weiterradeln, wenn auch nicht sehr weit. Kurz verdächtigen wir und unsere sehr netten Mitfahrer Axel und Dani das Mützen-Team, den Baumstamm quer über den Weg gelegt zu haben. Wir hieven uns und unsere Räder über den Stamm und rollen talwärts weiter.

Am Bahndamm an der Angermühle wird uns klar, dass hier nicht die Schicke Mütze, sondern rohe Sturmgewalt am Werk war. Niemand hat zufällig eine Kettensäge dabei, und so verbringen wir eine Viertelstunde damit, über Äste, Zweige und Blattwerk zu klettern und eine Räder-Anreich-Kette zu bilden. Und weiter! Unsere Gruppe ist inzwischen gewachsen und wir machen uns gegenseitig Komplimente ob des geringen Gewichts unserer Gravelbikes. Nach kaum 50 Metern erstarren wir: der komplette Wald liegt uns zu Füßen.

… drei Stempel sollt Ihr sammeln.

It’s all I can do
Unsere Optionen sind mau. Links geht es senkrecht durch den noch vorhandenen Baumbestand nach oben, zu unserer Rechten senkrecht aufs Gleisbett nach unten. Wir entscheiden uns für die Option “Kommando zurück” und mäandern improvisiert und extremst romantisch entlang der Anger, bis wir wieder auf die ursprüngliche Route stoßen. Der Streckenabschnitt hält eine höchst unromantische Bergankunft für uns bereit. Alle keuchen, viele fluchen, einige schieben.

Nach weiteren Kilometern durch tiefen Sand, feinen Kies und groben Schotter taucht im Nichts endlich die Verpflegungstelle auf und überzeugt mit frischen Früchten, Nüssen und Gürkchen im Allgemeinen sowie flamingofarbenem Hummus im Besonderen. Jetzt sind wir satt, getrocknet, die Sonne scheint und kein Hügel mehr in Sicht. Besser wird’s nicht.

“Sich über den Rhein schaukeln lassen” bekommt eine völlig neue Bedeutung.

Diese Annahme erweist sich als falsch, denn auf der Rheinfähre Kaiserswerth hat jemand eine Schaukel angebracht! Ich gehe eifrig meiner Lieblingsbeschäftigung nach – schaukeln kann ich wirklich am bestendoch leider ist die Überfahrt viel zu kurz. Also weiter schottern. Auch auf den letzten Kilometern bleiben die Wege grottig bis schlecht, und langsam vertreibt die Aussicht auf die uns versprochene Pasta meinen Dauer-Ohrwurm. Mit Blick auf die Düsseldorf-Skyline rumpeln wir am Rheinufer entlang, nehmen noch einen Schlenker über die Schafswiese mit, und von der Brücke lassen wir uns schließlich entspannt in den Mützenhof rollen. Tour completed! Uerige und Nudeln für alle!

Leider schwer zu erkennen: mein unglaubliches Tombola-Glück. Ich schwenke meinen Gewinn, eine coole Tom-Ritchey-Tasse. Der Tag hat sich gelohnt.

 

Der Weg ist das Ziel (Teil 2)

C. und mich hat der Fahrradurlaub unsere Bikepackingtour vom Niederrhein nach Freiburg bereits ins Saarland geführt. An einem weiteren Rekordhitzetag nehmen wir Kurs auf die Nordvogesen.

Etappe 6: Saarlouis – Meisenthal/Frankreich (75 km)
Ich bin tief enttäuscht. Der Saar-Radweg führt ununterbrochen neben Bundesstraßen her. Oder Autobahnen. Oder Industrieanlagen. Oder Saarbrücken. Von dieser Stadt hatte ich mir aus unerfindlichen Gründen mehr versprochen. Weil sie doch an einem Fluss liegt. Wie Düsseldorf. Aber de facto sausen dort nur Autos durch. Wir radeln weiter.

C. sagt: “Landschaftlich müssen wir uns noch verbessern.”

Auf der anderen, der französischen Seite ist plötzlich alles besser: Ohrenschmeichelnde Stille, grüne Wiesen, Kühe mit Baskenmützen, Menschen mit Baguettes, alle trinken Wein. Ich liebe Fronkraisch! Oui! Darum (und weil ich C. nur allzu gern mit meinen Französischkenntnissen beeindrucke) legen wir erstmal eine Café-Pause in Sarreguemines ein.

Da hinten ist schon Frankreich. Bonjour!

Die Stärkung war angesichts kommender Strapazen bitter nötig. Wir haben uns nämlich tatsächlich landschaftlich verbessert. Sprich: der flache Flussradweg hat sich in eine menschenleere und schattenlose Hügellandschaft verwandelt. Die steilen Anstiege überwinde ich mit meiner Flamingo-Mentaltechnik™️: Unfassbar, wie mühelos die junge Radflaminga den Col du Galibier hinaufgleitet. Sie tritt rund und konstant und hat den keuchenden C. bereits weit hinter sich gelassen. Das gepunktete Trikot ist ihr sicher!

Anstrengung und Rekordhitze haben uns in durstige Schweißzombies verwandelt, und wir wollen nur noch im einzigen Hotel, das diese Einöde zu bieten hat, ankommen.

41 Grad Celsius im Pays de Bitche, wie die Gegend hier heißt. Wir schieben unsere Kicherattacken und blöden Wortspiele auf die Hitze.

Doch unsere Wahoo- und Garminpfeile zeigen plötzlich auf fragwürdige Schotterpisten, die schräg hinunter ins Grüne führen. Wir schlittern auf einem winzigen Waldtrail weiter bergab – Brennesseln und Brombeerranken bremsen uns nur bedingt – bis wir irgendwann schiebend etwas erreichen, das auf Zivilisation hoffen lässt. Das fieseste Pavé ever führt uns an einer Kartbahn vorbei und schließlich nach downtown Meisenthal.

Im Vergleich zu Meisenthal ist die Eifel so busy wie Berlin und so lichtdurchflutet wie die Toskana. Doch da wir uns in Frankreich befinden, können immerhin Auswahl und Qualität der Speisen und Weine davon ablenken, dass dies der ideale Ort für das perfekte Verbrechen ist.
Wir bleiben zwei Tage.

Etappe 7: Meisenthal – Strasbourg (66 km)
Bei Sprühregen und 25 Grad ächzen wir uns Berge hinauf und hinunter und lassen uns mit viel Rückenwind den Marne-Rhein-Kanal entlangschieben. Schwupps sind wir in Strasbourg. Und schockverliebt!

…wir betreten feuertrunken Himmlische dein Heiligtum…

Ich summe “Freude schöner Götterfunken”, während wir vor sämtlichen EU-relevanten Gebäuden Selfies schießen und uns herrlich europäisch fühlen. Die Stadt ist wunderschön! Wir schlendern, bewundern, staunen, schwärmen und finden immer neue, herrliche Ecken und heimelige Plätze, auf denen regionale Rebengetränke besonders gut schmecken.

Etappe 8: Strasbourg – Freiburg (75 km)
An Kanälen (Tiersichtungen: 1 mutmaßlicher Otter und 1 ertrunkenes Reh) rollen wir weiter mühelos südwärts, bis uns ein Stück Heimat begegnet: der Rhein. Und auf der anderen Seite liegt Deutschland. Mit der kostenlosen (!) Fähre verlassen wir la belle France und nähern uns Freiburg und dem Schwarzwald. Unserem Ziel! Unbewusst verlangsamen wir unsere Fahrt und verbummeln Zeit bei Spaghettieis-Stopps und minutenlangen Tiersichtungen: 30 Störche schrauben sich in der Thermik immer höher und begleiten uns zirkelnd ein Stück des Weges.

Der Bierdeckel symbolisiert: “Sie haben Ihr Ziel erreicht.”

Wir feiern unsere Ankunft bei badischem Rahmschnitzel, Tannenzäpfle (C.), und badischem Wein (ich) und beschließen gleichzeitig, unsere Fahrt zu verlängern, um die restlichen Urlaubstage in einem beschaulichen Hochschwarzwald-Bergörtchen zu verbringen.

Etappe 9: Freiburg – Hinterzarten (39 km)
Bereits nach wenigen hundert Metern haben sich meine sämtlichen Freiburg-Klischees bestätigt: 2 Carsharing-Stationen, 8 Menschen auf Lastenrädern, 3 Fahrradgeschäfte, 2 Biosupermärkte, 1 Haus mit grasbewachsenem Dach. Wir fallen gar nicht auf und radeln sehr idyllisch an der Dreisam entlang. C. hat die Strecke über komoot ausgefuchst. Sehr hübsch, durch Kirchzarten und weitere Postkartendörfchen.

Warum wir uns trotzdem auf der (durchaus für den Radverkehr freigegebenen) B31 wiederfinden, ist bis heute nicht abschließend geklärt. “Die B31 durch das Höllental gehört zu den am stärksten befahrenen Straßen in Südbaden und stellt landesweit auch eine der wichtigsten Verkehrsrouten für den Schwerverkehr dar.” Wir hoffen jede Sekunde während der kilometerlangen Bergauf-Fahrt auf dem Höllensteig (sic), dass uns ein Weg aus dieser radweglosen, dreispurigen Tempo 100 Qual hinausführt.

Ich bin kurz davor, in Tränen auszubrechen, die Straße zu stürmen und alle motorisierten Verkehrsteilnehmer anzubrüllen, mal gefälligst was fürs Klima zu tun. Gott sei Dank kommt mir an der Ravenna-Schlucht unsere Erlösung in Form einer Waldweg-Abzweigung nach Hinterzarten dazwischen.

Oben angekommen geht’s eigentlich.      Foto: Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Vom Bundesstraßen-Hass gehen wir nahtlos in Unterkunftsuchen-Stress über. Denn sämtliche Schweizer Hundebesitzer bevölkern derzeit Hinterzarten, um die Ohren ihrer wuscheligen Lieblinge vor dem Nationaltag-Feuerwerks-Getöse in der Heimat zu schützen. Schließlich gelingt es C., eine Pension mit Balkon und Bergblick klarzumachen. Wir sind angekommen!

Ab jetzt nur noch Tagestouren. Zum Beispiel zur Skisprungschanze. Ich zeige C. wie’s geht, schließlich kann ich alles am Besten!

 

Der Weg ist das Ziel (Teil 1)

C. und ich haben einen Fahrradurlaub eine Bikepackingtour geplant, die uns vom Niederrhein bis nach Freiburg führen soll. An einem sonnigen Julisonntag radeln wir los.

1. Etappe: Kempen – Jülich (63 km)
Die Wettermenschen haben nicht gelogen. Als C. und ich einen Tag später als geplant aufbrechen und durch Mönchengladbach rumpeln, müssen wir ständig umgewehten Ästen und zersplitterten Baumstämmen ausweichen. Wenigstens sind die taubeneigroßen Hagelkörner inzwischen geschmolzen. Auch sonst ist Mönchengladbach in jeder Hinsicht eine Zumutung – allem voran die Radwege.

Kein Fan der Stadt, kein Fan der Mannschaft. Aber “Fohlen” ist einfach der beste Name.

Unserem seelisch wie körperlichem Leiden setzt meine beste Freundin Tina mit einem fantastischen Empfang in Jülich rasch ein Ende. Sie verwöhnt uns mit eiskaltem Aperol Spritz und frischem Grillgut auf der sonnenbestrahlten Terrasse. Wir bewundern die neuen Familienmitglieder Sissy und Goldi (ein Meerschweinchenpärchen, das mit einem ähnlich großen Appetit gesegnet ist wie wir) und chillen uns durch den Abend.

Pinke Eiswürfel verwandeln alles in ein flamingogerechtes Getränk!

2. Etappe: Jülich – Monschau (71 km)
Unsere Routenführung funktioniert zuverlässig. Doch vor die Idylle des Vennbahnradwegs hat die Geografie noch einige Orte gelegt, die uns schneller trampeln lassen (ausdrückliche Ausnahme: Kornelimünster! Sehr niedlich). Abenteuerlich geht anders, doch wir genießen das ruhige Radeln auf der glatten, immer leicht bergauf führenden Bahntrasse. Aber so richtig still ist es auch nicht. Plopp! Knall! Ploppplopp! Ich lege C. meine Theorien zur Herkunft des uns begleitenden Knallens dar: Versteckte Lautsprecher! Vögel! Silvesterreste!

Diese Pflanze hat eindeutig einen Knall. Kennt die jemand?

Meine detektivischen Fähigkeiten führen mich schließlich zu einer Pflanze, die überall am Wegesrand wuchert und deren schwarze, erbsenähnliche Früchte alle paar Sekunden explodieren. Da ich das Rätsel (glaube ich) gelöst habe, können wir beruhigt ins malerische Monschau einrollen. Die Ruhe währt so lange, bis wir erfahren, dass das Städtchen komplett ausgebucht ist. Wir diskutieren unsere Optionen genau neben einem Angebot für eine “hübsche, zentrale Ferienwohnung”. Ich rufe an und exakt fünf Minuten später beziehen wir selbige mit unseren Rädern.

Das Brücken-Foto. Ein Muss für alle Monschau-Besucher.

Abermals beruhigt entspannen wir uns beim Tour-de-France-gucken und testen zum Abschluss des Tages die berühmten Senfschnitzel (Urteil: ich empfehle sie).

3. Etappe. Monschau – Arzfeld (91 km)
Es ist mörderheiß! Der Jahrtausendsommer schlägt zu. Wir kurbeln ergeben den fast ein wenig eintönigen Vennbahnradweg weiter und feiern es als Höhepunkte des Tages, wenn er uns durch Tunnel führt. Diese sind nämlich eiskalt und bundesweit wohl derzeit die einzigen Orte, an denen man sich aufhalten möchte und sollte.

Hitze am Ende des Tunnels.

Die Eifel haben wir ja mittlerweile liebgewonnen, aber ihre Kaffigkeit bereitet uns organisatorische Sorgen, sodass wir mittags im belgischen St. Vith schon unsere Übernachtungsmöglichkeit in Arzfeld klar machen. Ein Glück. Denn egal durch welchen Ort wir radeln (es sind übrigens nicht viele), in jedem denke ich dasselbe: “Sind die hier alle gestorben oder was?” In Arzfeld gibt es eine Feuerwehr, eine Kirche, einige Häuser (in einem wohnen wir in einer privaten Pension), einen Döner-Grill (dort decken wir unseren Kalorienbedarf) und einen erstaunlich großen und gut sortierten Rewe (in dem wahrscheinlich die halbe Eifel shoppt). Wir lassen dort 22 Euro für Getränke und ein Buch und sind so geplättet, dass uns weder Funkloch noch das nicht vorhandene TV stören. Wir wollen nur trinken. Und schlafen.

Etappe 4: Arzfeld – Konz (ca. 80 km)
Es geht kilometerlang bergab. Durch den Wald. So kühl. So herrlich. Als die Bäume keinen Schatten mehr spenden, merken wir, dass es noch heißer ist als gestern. Wir schwitzen uns an Enz, Sauer und Mosel entlang und sind sehr damit beschäftigt, unseren Flüssigkeitshaushalt in Schach zu halten. Die Medien berichten seit Tagen, wie wichtig es sei, nur ja genug zu trinken. Bei schattenlosen 40 Grad sinnieren wir darüber, wie wir im Vorfeld unserer Planungen getönt hatten: “Also wenn schlechtes Wetter angesagt ist, fahren wir mit dem Auto nach Südtirol und machen da ein paar Touren.”

Wald. Eine überdachte Brücke. Schatten! Plus Wasserfälle. Sehr aushaltbar.

Dann sinniere ich nur noch über eisgekühlte Schorlen, Swimmingpools, schattige Waldseen, Kühlschränke und Tunnel. Wir erreichen einen Ort mit dem sensationellen Namen Igel, als ich scharf bremse und mir in Rekordzeit Schuhe und Socken von den Füßen reiße. Ein Kneipp-Becken am Wegesrand! Meine Wünsche wurden erhört! Als wir kurze Zeit später in einem hübschen Bett+Bike Hotel einziehen, bin ich erneut wunschlos glücklich: nach einer eiskalten Dusche liege ich auf dem Bett, schaue Tour de France und C. serviert mir gekühlten Riesling aus der Bar.

Etappe 5: Konz – Saarlouis (72 km)
Es ist einfach nur hot hot hot. Die Saar ist nun unser Begleitfluss, und ich freue mich auf die Saarschleife und eine Premiere – das Saarland. Da war ich noch nie. Doch zunächst müssen wir uns um Quentins Platten kümmern. Sprich: Schatten suchen, um in Ruhe den Schlauch zu wechseln.

C. tauscht den Schlauch aus und dann geschieht mir leider ein bedauerliches Missgeschick mit der Kartuschen-Pumpe.

Was reibungslos funktioniert. Hätte ich die Kartuschen-Pumpe korrekt bedient, hätte ich sogar genug Luft im Reifen gehabt. Hätte. Stattdessen gibt Quentins halbvoller Vorderreifen jetzt unschöne Schmatzgeräusche von sich, und wir schmatzen uns auf einer Bundesstraße in einen hoffentlich bald auftauchenden Ort, in dem es bitte bitte ein Fahrradgeschäft gibt. Ein Ort taucht tatsächlich auf, doch der hat leider Eifel-Format. Allerdings ist vor einem der drei bis vier Häuser ein Mann damit beschäftigt, ein Fahrrad zu reparieren. Er besitzt selbstverständlich eine Standluftpumpe, die er uns gerne leiht. So ein Glück!

Dermaßen aufgepumpt können wir den Höhepunkt des heutigen Tages in Angriff nehmen. Die Saarschleife! Der Wald, der Fluss, die Aussicht – das hat was, finde ich und trete eifrig, als es bergauf geht.

Die Saarschleife wie ich sie mir vorstelle.     Foto: Tourismuszentrale Saarland/Eike Dubois

Auch wenn ich gleich mit einem tollen Ausblick belohnt werde – als sich die Straße in eine mehrspurige, verkehrsreiche Landstraße verwandelt und noch steiler wird, wünsche ich all diesen stinkenden, lärmenden Autofahrern sehr schlimme Dinge an den Hals. Ich befürchte zudem zu kollabieren und muss schieben. Oben wartet C. und hat bad news: Wir haben soeben die Saarschleife abgekürzt und umfahren. Aggressionen und Beinahe-Kreislaufkollaps für nichts! Rage und Trauer!

Wir radeln nicht zurück, sondern runter und fahren schließlich an einem hübschen Uferradweg bis zum Schleifen-Scheitelpunkt. Als wir eine Pause machen, kommt ein älteres E-Bike-Pärchen vorbei.
“Sagen Sie, ist das dieser religiöse Weg?”, fragt die Frau.
“Meinen Sie den Pilgerweg?”, frage ich.
“Nein”, sagt sie. “Noch katholischer.”

“Wir sind ganz nah dran”, sagt C. “Alle anderen sehen die Saarschleife nur von oben.”

Während wir uns weiter durch die Rekordhitze quälen, grübele ich die ganze Zeit darüber nach, was “noch katholischer” als ein Pilgerweg sein könnte. In einem Café, in dem C. und ich je einen Liter Kirschsaftschorle tanken, kommt mir die Epiphanie: ein Kreuzweg natürlich. Nur wenige Kilometer weiter nehmen wir noch einen Biergarten mit und erreichen endlich Saarlouis und damit alles, wovon wir heute träumen: Dusche, Getränke, Burger, die Übertragung der Tour und massig Eiswürfel.

P.S.
Wir finden den idealen Drehort für Horrorvideos und fühlen uns extrem europäisch. Was hat es außerdem mit dem Höllensteig auf sich? Und kühlt sich das Wetter je wieder ab? Demnächst exklusiv in Teil 2!

 

Prolog: Pack ma’s

C. und ich planen einen Fahrradurlaub. Ich beschließe, dass er uns nach Freiburg führen soll. Bayern fällt leider aus, weil C. schon einmal vom Niederrhein dorthin geradelt ist. Ich tippe bei Komoot „Kempen – Freiburg im Breisgau“ ein. „Themenrouten und schöne Strecken bevorzugen?“ Ich klicke „Ja“. C. und ich legen noch grob unsere Etappenziele fest und modifizieren die Strecke so, dass sie uns an der Saarschleife vorbeiführt. Die möchte ich gern mal sehen. Wir laden alles auf unsere devices. Zack. Done.

Sorgfältige Streckenplanung ist das A und O für eine gelungene Tour!

Jetzt noch das equipment. Maren hat mir ihre komplette Bikepacking-Ausrüstung geliehen (Danke nochmal an dieser Stelle! Ihr cooles Solo-Abenteuer lest Ihr übrigens hier)! Ich schnalle und schnüre alle Gerätschaften probeweise an Quentins Rohren und Streben fest.

Auch beim Bikepacking macht Quentin eine exzellente Figur!

Auf Instagram sieht das immer so stylish aus. Doch ich bin nicht überzeugt, am wenigsten von der Satteltasche. Sie hängt schlapp nach unten und schleift. Außerdem passen da doch keine Klamotten für zwei Wochen rein! Und das bei meinem minimalistischen Pack-Ethos.

Was ich für Instagram packe.

Gott sei Dank hat Maren mir auch einen Gepäckträger geliehen! C. hilft mir beim Dranschrauben und bringt mir seine 20 Jahre alten Ortlieb-Satteltaschen, die kleinen für vorn. Perfekt! Sofortiger Zugriff möglich; trotz Frontlader-Format ist sogar noch massig Platz übrig. Als „Handtasche“ für Tagebuch, Geldbörse und Riegel nutze ich einen wasserdichten Beutel zum Zusammenrollen, den ich quer über die Taschen klemme.

Die Oberrrohrtasche findet Gnade, auch wenn ich die Trinkflasche nur noch beherzt fummelnd herausziehen kann (die Option „Flaschen-Tasche/Snackbag“ am Lenker scheidet leider aus, weil sie das Lenken und Bremsen erheblich beeinträchtigt).

Was ich tatsächlich mitnehme.

Jetzt also nur noch packen. Easy. Mehr aus Reisefieber denn aus Akribie habe ich im Juni sogar eine Liste erstellt. Ich rolle die von mir als notwendig und nützlich erachteten Klamotten zusammen (rechte Tasche Fahrradsachen, linke Tasche Freizeitsachen) und verstaue Regenjacke, Windweste, Arm- und Beinlinge in der Oberrohrtasche. Licht und Flickzeug wie gehabt in die kleine Satteltasche.

C’est tout!

Ich widme mich C., der Unterstützung gebrauchen kann. Zugegeben, mit einer Körperlänge von 1,90 m und Schuhgröße 48 ist es ein klein wenig schwieriger, sich auf ein geringes Packmaß zu beschränken. C. stiert verzweifelt auf den kompletten Inhalt seines Kleiderschranks, den er auf unserem Esstisch  ausgekippt hat. Ich weise ihn freundlich darauf hin, dass zwei Ersatz-Badehosen wohlmöglich übertrieben sind und formuliere vorsichtige Ich-Botschaften: „Falls es kalt wird, habe ich ein Hoodie und eine Jeans dabei“ oder „Ein T-Shirt und eine kurze Hose reichen mir“.

C. benötigt offensichtlich Hilfe beim Packen.

Endlich! C. verstaut alles in Plastiktüten, die er beschriftet („Für mehr Überblick“), die er wiederum in seinen großen, alten, knallroten Ortlieb Radtaschen packt. Ein Beutel fasst Fahrradreparaturgedöns, die Lenkertasche Kleinzeug sowie unser Touren-Maskottchen Hans, das Sockentier.

Immer dabei: Hans, das Sockentier.

Gepackt! Bereit! Aufgeregt! Wir können losfahren! Spoiler: Können wir nicht. Ein heftiges Unwetter ist angesagt. C. und ich glauben den Wettermenschen und verbringen deshalb noch einen chilligen Urlaubstag am Haus. War das Warten gerechtfertigt? Was hat es mit pinken Eiswürfeln auf sich? Und wo kommen die Meerschweinchen her? Stay tuned! 

Bald geht’s loooohooos!

Geschafft!

22. Juni
What’s App von Mama: Sie schickt mir eine Reihe vorwurfsvoll dreinblickender Emojis und teilt mir mit, dass sie meinen Plan, bei Düsseldorf300 mitzufahren, nicht gutheißt. Ich schwöre, Vernunft walten zu lassen und habe sogar ein Motto für den Tag: „Kräfte sparen, regelmäßig essen und viel trinken.“

Für diese schicke Mütze habe ich einen ganzen Tag lang hart getreten!

23. Juni, 5 Uhr, im Hof der Schicken Mütze
Ich tanke Espresso, greife meine prall gefüllte Startertüte ab und checke nochmal mein Handy. Mamas Emojis gucken jetzt besorgt; einige weinen. Ich soll gut auf mich aufpassen. Ehrenflamingo Martin wünscht mir „langanhaltenden Spaß“ und Maren schreibt „Vergiss nicht, du kannst alles am besten!“

Ich tippe auf den Wahoo Elemnt Bolt, den ich extra für die große Tour von Konrad leihen durfte (nochmals vielen Dank an dieser Stelle) und rolle in der milden Morgenluft Richtung Kö. Kaum ein Auto, dafür rote Ampeln und zeternde Halsbandsittiche. Bereits am Grafenberger Wald lasse ich Heiner und Ulrike ziehen und ich kurbele in meinem Wohlfühltempo weiter aus der Stadt heraus.

Schlange stehen für die große Fahrt.

Knittkuhl/Wülfrath
… und Berge hinauf! Berge! Ein Paradies! Hier war ich noch nie. Vor mir steigt die Sonne langsam höher, links sattgrüne Wälder, rechts duftende Weizenfelder, Vögel jauchzen mir zu. Das ist ja wie im Urlaub! Vor lauter Begeisterung merke ich gar nicht, dass es immer wieder giftig bergauf geht.

Velbert-Langenberg
Okay, den Sender merke ich dann doch. Erstbesteigung für die Radflamingos. Warum auch nicht – ausgerechnet an dem Tag, an dem noch 247 Kilometer vor mir liegen. Und der Esel. Und der Hülser Berg.

Verpflegungsstation 1 – Cycle Café Velbert Ruhr
Kuchen, ha! Beschwingt fülle ich Wasser nach und trage mehr Sonnencreme auf. Ich habe gute Beine und ich werde sie benutzen!

Auch wenn es so aussieht – ich löse nicht die Probleme dieser Welt, sondern denke über Sonnencreme und Bananenbrot nach.

Esel
I-ah! War doch gar nicht so schlimm. Und nach Geschwindigkeit fragt ja niemand. Zumindest nicht heute. Fun fact: Wusstet Ihr, dass türkische Esel „Aaah-i“ machen?

Dem Rhein entgegen
Es geht bergab mit den Radflamingos. Immer Richtung Rhein. Die Gefilde werden heimatlicher. Da vorne, müsste das nicht Duisb- oh. Essen. Mühlheim. Gut, ich habe keine Ahnung wo ich bin. Ich habe mich nicht, wie empfohlen, „intensiv” mit der Strecke beschäftigt und verlasse mich darauf, dass der Wahoo funktioniert. Macht er. Und ich folge brav den Pfeilen und genieße waldige, schattenreiche Kilometer.

Duisburg
Das einzige was hier Schatten spendet, ist… nope, kein Schatten im Großraum Duisburg. Nur supersengende Saharasonne. Bestimmt schmilzt gleich der Asphalt. Sehnsüchtig werfe ich einen Blick auf den Rahmersee, und den Rhein möchte ich am liebsten mit Bonnie durchschwimmen.

Hülser Berg
Immerhin weiß ich, wo ich jetzt bin. In einem dunklen, nicht ganz so heißen Wald. Vor einem Berg in meinem home turf. Ächzend kurbele ich hinauf. Da ich mich nicht „intensiv“ mit der Strecke beschäftigt habe, weiß ich auch nicht, dass Verpflegungsstation Nummer 2 nur 100 Meter weiter, direkt hinter dem Gipfel liegt. Ich verschnaufe lautstark auf einem Baumstamm, kippe magensiumangereichertes Wasser in mich hinein und knabbere pflichtbewusst an einem aufgewärmten Müsliriegel.

Verpflegungsstation 2 – JEDI Sports
Ach, hier ist das also, direkt an meiner Feierabendrunde! Ich räume die Platte mit den Apfelsinenspalten ab, verschlinge gierig die köstlichen Paninis, fülle mich und die Bidons mit Wasser und checke mich kurz durch: Meine Beine sind top. Das Hinterteil meckert nicht. Der rechte Nacken sticht ein bisschen. Die Hitze indes setzt meinem Kopf und meiner overall performance merklich zu.

Bei JEDI Sports hat Konrad fotografiert, wie ich die Flamingos küsse. Was niemand weiß: Das macht starke Beine und hebt die Laune!

Niederrhein
Ich fahre mit Dirk zusammen weiter. Wir plaudern angeregt, ich erkläre ihm den Niederrhein und dass es an genau dieser Kreuzung nur 2,2 Kilometer bis nach Hause sind und dass wir gerade unsere Sonntagsrunde rückwärts fahren. Gegenwind haben wir trotzdem, wie immer. Dirk spendet mir Windschatten („Gerne gemacht. Ist doch ein Teamsport!“) und ein Weilchen düsen wir, recht rasch wie ich finde, Richtung Pont. Dort lädt die wohl einzige Bank im Schatten am gesamten Niederrhein (Achtung, journalistischer Insider) zum Verweilen ein. Das ist dringend nötig, dito Nacken dehnen, Banane futtern und Wasservorräte dezimieren.

Niederlande
Ich muss wirklich alles am besten können. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich weiter trete.

Verpflegungsstation 3 – Fort Hazepoot /Café de Fossa
Ich schmeiße Bonnie entkräftet an den Zaun und robbe zur Schüssel mit den Apfelstücken und der Kühlbox mit den Sandwiches! Himmlisch! Dann reiße ich mir ein paar Kleidungsstücke vom Leib und spritze mich von oben bis unten mit dem Wasserschlauch ab.

Mühlhausen (fast zuhause!)
Bäume! Ihr Schatten reicht weit über den Wirtschaftsweg, sodass ich auf selbigem liege und versuche mich an Yoga-Nackenübungen zu erinnern. Außerdem überlege ich, ob C. mich abholen oder ob ich die sieben Kilometer bis Kempen noch selbst fahren soll. Doch ich beschließe, auf jeden Fall noch bis zum nächsten Versorgungspunkt in Willich-Schiefbahn zu radeln. Das sind nur 28 Kilometer. Ein professionell aussehendes „EnergiePowerHydroKoffein-Gel“ in mojitogrün soll mich für diesen Abschnitt puschen.

Irgendwo
Professionell my ass. Jetzt habe ich auch noch Magen. Zusätzlich zu Nacken und Hitze. Was ich erstaunlicherweise nicht habe: Hintern und Beine. Darum kurbele ich stumpf weiter. Mama hat mir inzwischen mehrere What’s Apps geschrieben: „Jetzt reicht’s aber!!“ (Schwitz-Emoji) und „Bitte steig ab!!!“ (Explodierender-Kopf-Emoji).

Verpflegungsstation 3 – Summiteers Cycles
Ich steige ab. Jetzt reicht’s. Weitere 70 Kilometer packe ich nicht. Ich wünsche Dirk viel Glück bei der Weiterfahrt und schließe mich Hans-Jürgen an, der genau wie ich nur noch auf kürzestem Weg nach Düsseldorf gelangen möchte. Das sind schlappe 20 Kilometer geradeaus. 20! Wie niedlich! Wir verirren uns nur einmal in einem Wald und tauchen aus ihm irgendwo bei Heerdt wieder auf. „Landeshauptstadt Düsseldorf“! Habe ich jemals ein schöneres Ortsschild erblickt? Den Tränen nahe schlürfe ich noch mehr Wasser und dann…

Der Anblick dieser Hofeinfahrt hat den kompletten Sonntag meine Gedanken bestimmt.

Kurz vor 20 Uhr, Schicke Mütze
…biege ich nach 250 Kilometern und gut 1.200 Höhenmetern in den Hof der Schicken Mütze ein! Genau unter dem großen „ZIEL“-Banner recke ich meine Faust in den Himmel. Alle im Hof applaudieren und johlen (so wie für alle Fahrer*innen, die hier eintrudeln)! So muss sich ein Etappensieg bei der Tour de France anfühlen, inklusive Hitzeschlacht und Bergankunft. Wenn ich mir jetzt etwas wünschen könnte, dann ein Glas Wasser mit Eiswürfeln und Zitronenscheiben. Jemand reicht mir ein Glas Wasser mit Eiswürfeln und Zitronenscheiben, kaum dass ich mich ausgeklickt habe. Angekommen! Geschafft! Glücklich!

Ich bin – überwältigt.

Kudos
Düsseldorf300 war wirklich fantastisch organisiert! Vielen Dank an die Veranstalter Schicke Mütze und Cycling Club Düsseldorf.
Die tollen Fotos hat Kerstin Kortekamp von der Schicken Mütze gemacht (wenn nicht anders gekennzeichnet)! Vielen Dank, dass ich sie für den Blogbeitrag verwenden darf!
Vielen Dank auch an Dirk, Hans-Jürgen und den netten CCD-Fahrer, der extra auf mich gewartet hat, um mich an eine Gruppe heranzufahren! Ich war leider zu schlapp…

Ich will Spaß, ich geb Gas!

Dieser Artikel gehört zur Aktion “Frauen im Sport”, die Hannah von den Ausdauercoaches ins Leben gerufen hat. Meinen Steckbrief für das Projekt findet Ihr hier. Ich freue mich, dabei zu sein. Wir sind viele!

Die liebe Maren von ichhasselaufen hat in ihrem Blogbeitrag bereits darüber geschrieben, warum die Frauenquote bei Jedermann-Rennen so niedrig ist. In meinem Artikel möchte ich allen, die bei Marens Umfrage nicht mit “Keine Lust” geantwortet haben, Mut machen. Denn es geht doch wirklich nur um eines – finde ich.

Spaß.

Lassen Sie uns durch, wir haben Spaß! Foto: sportograf

Das ist für mich der Dreh- und Angelpunkt, egal ob es um “Nur so“- Sportveranstaltungen oder Wettbewerbe geht. Um alles andere mache ich mir übrigens erst Gedanken, nachdem ich mich für irgendetwas angemeldet habe. Ich halte das für eine nachahmenswerte Vorgehensweise (kurzfristige Zusagen für Ultraläufe und den Ötztaler vielleicht ausgenommen). Wie das funktioniert, möchte ich Euch anhand einiger Beispiele aus meiner schillernden Sportkarriere illustrieren.

Da gab es zum Beispiel einen Triathlon in meiner Heimatstadt Wesel. Triathleten betrachtete ich bis dato mit einer Mischung aus Verehrung und Bewunderung, da sie unfassbare Dinge leisten, von denen langsame Freizeitsportlerinnen wie ich nur träumen können. Also meldete ich mich an. Schließlich handelte es sich um den See meiner Jugend, es gab auch kurze Strecken, Mama und Papa versprachen zu winken und Rennradfahren kann ich schließlich auf jeden Fall.

Was fällt Euch an diesem Bild auf? Richtig – hinter mir ist niemand mehr.

Das Ergebnis fiel ähnlich desaströs aus wie mein anderer Triathlon am Eyller See, aber die Stimmung war bombastisch, alle haben mich angefeuert (sogar die berühmte Weseler Triathletin Mareen Hufe, soweit ich das kurz vor dem Kollabieren richtig erkannt habe), der Auesee ist immer noch so herrlich zu durchschwimmen wie früher und hinterher saß ich mit Freunden und Familie zusammen, um gemütlich Kuchen zu futtern. Ergo: es hat sich gelohnt!

Das ist also mein erster Trick: nicht Nachdenken, Zer-denken und Abwägen, sondern einfach machen. Mein zweiter Trick heißt “Ich kann alles am Besten”. Das ist mein Mantra, und es ist nicht wahr. Aber das macht nichts, weil ich mittlerweile davon überzeugt bin, dass ich zumindest alles irgendwie einigermaßen hinkriege, so lange es sich nicht um Kopfrechnen handelt.

Mit diesem Selbstverständnis nicke ich eifrig und sage sofort “Ja”, wenn Maren vorschlägt (jemanden zu haben, der einen mitzieht, ist übrigens Trick Drei), beim Bockumer Kriterium mitzufahren. Wir waren die einzigen Frauen, ich war die langsamste von allen, ich fürchtete mich sehr vor unschönem Asphaltkontakt und Männern, die auf aerodynamischen Rädern brüllend ihr Wegerecht fordern.

Auch hier befindet sich hinter mir… niemand. Foto: Christian Siedler

Doch wer sich Sorgen macht, leidet doppelt. Ich litt nur muskel- und lungentechnisch gesehen, und meine Befürchtungen erwiesen sich als völlig unbegründet. Keine Stürze und absolut faires und sportliches Verhalten der männlichen Mitfahrer. “Nur” in der Siegerwertung tauchten Maren (Platz 1) und ich (Platz 2) nicht auf. Und damit sich das ändert, gibt’s nur eins: fahrt mit! Außerdem gibt es hinterher immer Kuchen!

Fazit
Ich glaube, dass Teilnahmen (oder eher die Nicht-Teilnahmen) an Rennen und Co. eine Kopfsache sind. Wenn Ihr meint, an irgendeiner noch so abwegigen Veranstaltung (Jedermann-Rennen, Bahnrad fahren, Alpenpass bezwingen) Spaß zu haben, seid dabei! Das sollte das einzige Argument im Vorfeld sein. Holt Euch Euren Spaß!

  • auf keinen Fall zu viel nachdenken
  • sich einzureden, alles am besten zu können, hilft tatsächlich
  • lasst Euch anstiften

PS. Ich melde mich jetzt für den Düsseldorf 300 an. Apropos anstiften…

Mein Motto “Ich kann alles am Besten” hat hier etwas und schnell treten ganz besonders geholfen.

Wir sind viele, ich bin alle

Yay, Cyclingworld in Düsseldorf! Selbstverständlich haben die Radflamingos gemäß ihres Wahlspruchs „Ich kann alles am besten“ monatelang herumtrompetet: Um 10 Uhr mit der Schicken Mütze und der ehemaligen Profi-Rennradfahrerin Iris Slappendel ausfahren. Dann chillen und schauen auf der Messe und abends – natürlich – Teilnahme am Cyclocrossrennen. Soweit der Plan.

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen vermutete ich das Messegelände übrigens in Grafenberg. Dass das eventuell gar nicht stimmt, fiel mir um 9.28 Uhr in Flingern-Nord auf. Ein Glück war die Stadt noch leer und meine Beine voller Körner, sodass ich mit Quentin einen rekordverdächtigen Sprint Richtung Meerbusch unternahm und tatsächlich pünktlich mit etwa 40 anderen Frauen die Ausfahrt starten konnte.

Zusammengedrängelt passen wir sogar auf ein Foto.

Und die war einfach klasse! Frauenbewegung Rennrad galore! Im Riesenpeloton rollten wir dahin, und im Vorbeirauschen hörte ich den erstaunten Ausruf eines Fußgängers: „Das sind ja alles Frauen!“ Ganz genau. Sind wir. Und wir sind viele. Und sehr bunt außerdem. Dazu trugen auch die Radklamotten von Iris bei (die ich an dieser Stelle schamlos bewerbe), die es natürlich in der Schicken Mütze (die ich ebenfalls leidenschaftlich anpreise) käuflich zu erwerben gibt.

Vorne links: Iris. Rechts: Kerstin von der Mütze. Danke an dieser Stelle, dass ich Eure Fotos nutzen darf!

Selbstverständlich nutzte ich die fantastische Gelegenheit, mit Iris zu fachsimpeln. Sie lobte, wie ich auf dem Rad sitze, woraufhin ich äußerst beflügelt noch schneller in die Pedalen trat. Dieser Augenblick ist die Chance, geheime Tipps bei Iris abzugreifen und auf diese Weise meiner Radsportkarriere noch den entscheidenden Dreh zu geben!

„Iris, hast du geheime Trainingstipps für mich?“, frage ich also und stelle sicher, dass auch niemand anders mithört.
„Na klar“, sagt Iris. Ha! Fantastisch! Ich werde auch Profiradsportlerin! „Also das Wichtigste ist, Spaß zu haben.“
Hervorragend. Ein fetter Check-Haken. Habe ich immer.

Grau und miesepetrig war bei unserer Ausfahrt allein das Wetter.

„Mein anderer Tipp ist, etwa 90 Prozent lange, ,normale’ Touren zu machen und bei den restlichen zehn Prozent richtig Gas zu geben, bis du nicht mehr kannst.“
Ich lasse alle Momente Revue passieren, in denen ich ächzend über dem Lenker hänge und beschließe, dass meine Aussichten im Profiradsport gut stehen.

Gegen 14 Uhr landen wir wieder am Areal Böhler und werden von den Mützen umgehend mit Kuchen versorgt. Desweiteren erfreut mich die Sitzgelegenheit, obwohl ich mir nicht erklären kann, wieso ich mich nach 60 Kilometern so schlapp in den Waden fühle. Egal. Ich überbrücke die Zeit bis zum Cyclocrossrennen damit, mich in glitzernde Rennräder zu verlieben, Flamingoaufkleber zu kaufen, mich für Fahrradschlossinnovationen zu interessieren und mit vielen Menschen, die ich endlich wieder- oder zum ersten Mal sehe, zu plaudern. Herrlich.

Wie niedlich! Passt mir leider nicht, und mein kleiner Neffe sträubt sich noch gegen den Radsport, aber ich arbeite daran.

Der Abend naht. Ich schwächele und habe mich in Sachen Sitzgelegenheit bereits auf die Kategorie „Sofa“ geupgradet. Die Getränkezufuhr am Stand von In Velo Veritas kann mittlerweile ebenfalls sehr gefallen, eignet sich aber nicht unbedingt als Vorbereitung für ein Crossrennen.

Ich bin alle. Platt. Und eine Entscheidung muss her! Ich hadere. Einerseits: meine Selbstachtung! Andererseits: meine Beine! Es kostet mich Überwindung, doch dann steht mein Entschluss fest: Abbruch! Kein Start. Stattdessen pedaliere ich entspannt zum Bahnhof, lasse mich nach Hause schaukeln und werde von C. mit Lasagne empfangen. Alles richtig gemacht.

“…if I should ever recover…”

Dieses hübsche Zitat von André Greipel, der am Sonntag coolerweise ebenfalls beim NRW Crosscup in Hürth-Kendenich am Start war, leitet meine heutige Trauma-Verarbeitung passend ein. Die Radflamingos haben sehr gelitten und befinden sich damit in guter Gesellschaft. Das tröstet ein bisschen.

Mit DEN Beinen kann das doch gar nicht so anstrengend sein!

Auf Instagram und Facebook habe ich bereits betont, wieviel Spaß ich beim Rennen hatte – und das stimmt! Doch genau wie die SPD “werden und müssen” die Radflamingos jetzt „die Gründe für das schlechte Abschneiden sorgfältig analysieren – auf allen Ebenen.” Einer der Gründe ist „sicherlich auch die schlechte Performance der großen Koalition in Berlin“ ohne Zweifel das quasi unbezwingbare Hindernis, das die Bombtrack Bicycle-Veranstalter in die Strecke integriert haben: die MAUER.

Großer Vorteil für Jon Snow und Konsorten – der Aufzug!                                             (Foto: GoT-Screenshot)

Da ich sehr lange brauchte, um sie zu erklimmen, hatte ich Zeit zum Nachdenken. Meine Erkenntnis: Cyclocross ist wie Game of Thrones. Es ist extrem brutal und macht süchtig.

Die Radflamingos analysieren weiter und machen es sich wahrlich nicht leicht. Eine meterhohe Wand kann und darf selbstverständlich nicht der Grund für unser Komplettversagen sein. Viel eher dann doch mangelndes Training die Tatsache, dass ich auf malerischen Waldwegen automatisch in eine “Spazierfahr-Geschwindigkeit” verfalle (anders sind die Rundenzeit auch nicht zu erklären).

Hürther Herbstidylle. Nicht zu hören: mein verzweifeltes Keuchen.

Ich werde wohl auch noch an meinen Auf- und Abspringfähigkeiten feilen müssen. Allerdings möchte ich nicht ohne Stolz darauf hinweisen, dass ich a) nicht umgekippt bin und b) vor allem im Sandkasten meine Stärke (locker joggen) ausspielen konnte. Doch um es mal in den Worten der SPD zu sagen: “Da ist Luft nach oben”. Sehr viel Luft sogar.

Mein ganz persönliches Luft-nach-oben-Ziel.

Vielleicht sollte ich auch darüber nachdenken, aggressiver zu starten. Wie ich nach wenigen Metern (und diesmal war ich nicht auf dem Mountainbike unterwegs) bereits den Anschluss verlieren konnte, ist mir äußerst rätselhaft. Zumal ich doch auf der Straße halbwegs vernünftig fahre.

Meine nächste Baustelle ist mir am allerpeinlichsten: die Berge der Anstieg. Ein Trikot mit roten Punkten steht mir seit diesem Sommer meiner “Ich-kann-alles-am-Besten-Meinung” nach ziemlich gut. Berge sind total mein Ding! Bis Sonntag, als sich hinter den ersten Kurven im Wald der Mount Kendenich erstreckte. Ein zugegebenermaßen sehr kleiner Berg. Aber ein steiler, giftiger Anstieg. Ich stecke in einem Dilemma. Ich könnte tatsächlich hochtrampeln, würde mich dabei aber so verausgaben, dass ich oben – falls ich ankomme und falls ich überlebe – nicht mehr weitermachen kann.

Was ich wirklich am besten kann: locker durch den Wald cruisen.

Option zwei: Ich muss den richtigen Augenblick erwischen, um abzuspringen. Das sollte nicht zu weit unten geschehen, weil bergauf schieben blöd ist, aber auch nicht so weit oben, dass ich beim Ausklicken sofort mit Quentin bergab rutsche. Ich entscheide mich für Letzteres und hänge bereits nach diesem ersten Hindernis nun endgültig hinterher.

Als ich irgendwann das Ziel erreiche, sind alle anderen schon längst da. Im Ergebnisplan statt einer Zeit nur “-1” zu lesen, deprimiert mich ja schon ein bisschen. Da hilft nur eins, sagt Ehrenflamingo Martin streng, und er will meine Rennanalyse gar nicht hören. “Mehr Training!”

Radflamingo MO: Auf die Stufe stellen, Quentin hinterherziehen, verschnaufen. Nächste Stufe erklimmen, Quentin hinterherziehen…

P.S.
Ein riesiges Dankeschön an Christian Siedler, der die fantastischen Fotos gemacht hat! Er hat mich auch zu einem neuen Motto inspiriert, das, ähem, wahrscheinlich besser zu mir passt: “Erlebnis vor Ergebnis”. Schaut unbedingt mal auf Pushing Limits vorbei, Christian bloggt darüber, wie er und seine Freundin sich gemeinsam auf eine Langdistanz vorbereiten!

 

Crosse Leistung

Mein Motto lautet “Ich kann alles am besten”. Wer diesen Blog aufmerksam liest und/oder mich kennt, stellt schnell fest, dass das eine dreiste Lüge ist. Vielmehr ist das meine Ausrede, neue Dinge auszuprobieren. Das mache ich nämlich wirklich gern, vor allem im sportlichen Bereich – auch wenn ich vorzugsweise Maren von ichhasselaufen die Schuld für meine Aktivitäten gebe. Das tue ich auch jetzt. Sie hat mich angestiftet, beim Cyclocrosscup NRW in Dorsten mitzufahren.

Maren (vorne in der Mitte auf Karlson) ist mir schon nach wenigen Metern (!) entschwunden.

Ich bin erst ein Mal Cyclocross gefahren. Mit mäßigem Erfolg, und leider besitze ich (immer noch) keinen Crosser. Wurscht! Voller Vorfreude auf Matsch und Hindernisse und mit der Aussicht auf eine Top-Ten-Platzierung schnalle ich mein Mountainbike aufs Auto. Auf dem Wulfener Marktplatz treffe ich Maren mit Familienfreundefanblock und lausche der Strecken-Fachsimpelei. Ich verstehe “Sandkasten” und “Treppen” und hyperventiliere heimlich. Ja, Maren hat mir ein Video der Strecke gemailt, und ja, ich hätte mir die Runde um den See anschauen können. Aber wer sich nicht vorbereiten will, muss eben fühlen.

Ich habe einiges gefühlt: Ein Vakuum, dort wo ich meine Lunge vermute, zum Beispiel. Einen Presslufthammer in der Herzgegend. Von innen brennende Luftröhren, weil ich gar nicht so schnell und tief atmen konnte, wie ich es gebraucht hätte. Ich bin sehr froh, dass es keine Tonaufnahmen vom Rennen gibt, und ich hoffe, dass auch keine auftauchen. Denn ja, ich habe gekeucht wie ein Schwein. Laut. Verzweifelt. Nicht schön. So. Jetzt ist es raus.

Dieses Foto macht mich sehr glücklich. Denn es beweist: Auch andere Menschen, einen Hauch professioneller unterwegs als ich, mussten vor Anstrengung keuchen.

Doch dazu hatte ich allen Grund. Zuerst führte die Strecke wie in einem Labyrinth im Kreis herum. Ich kippte nicht um. Ein Erfolg, den ich nicht lange genießen konnte, weil zwei Bretter im Weg standen – flach und rechteckig, nicht besonders hoch und ein paar Meter auseinander. Was ich, wie die anderen, hätte tun sollen: Im Fahren abspringen, mit dem Rad über der Schulter rasch hinüberschweben, kurz den Boden berühren, das nächste Brett überschweben, elegant aufsitzen und weitertreten. Tatsächlich habe ich vor dem Brett scharf gebremst, habe die günstigste Stelle gesucht, um Schnurri über das Holz zu wuchten. Schieben. Wieder wuchten. Dann aufsteigen. Die Pedalen in Position bringen. Ich trage Turnschuhe, die Pedalen sind nur von einer Seite flach und zum Antreten geeignet. Endlich. Schub. Schnell noch schalten. Hier auf dem Waldweg geht’s.

Doch dann. Noch mehr Bretter! Und gleich dahinter die “Dorstener Welle” – drei Holzböcke, die es zu überfahren gilt (was ich geschafft habe, Applaus!). Und jetzt wird’s eng und steil. Noch steiler. Sandig. Wieder schieben. Alle anderen sind schon längst sehr weit weg. Ich höre nur noch mein Keuchen. Ha, der Sandkasten! Vollgas vom Deich runter, das macht Spaß, ausruhen für fünf Sekunden und schließlich  Schnurri durch den Sand zerren.

Ihr kennt das sicher aus Alpträumen – man müht sich durch tiefen Sand und kommt nicht vorwärts.

Weitere Hindernisse umfassen eine fast meterhohe Stufe (ich fahre sie runter, jawohl! Mehr Applaus!), eine unanständig steile Kante, unverschämt enge Kurven und zwei Treppen, die ich mein Rad hochtragen muss – um dann mitten im Wulfener Gemeindehaus zu landen, durch das die Strecke witzigerweise führt.

Inzwischen bin ich nicht mehr allein. Wegen den Überrundungen – und wegen der Fans! Denise und Markus und Jan und Marens Familie, alle feuern mich an! Ich lege mich ein bisschen mehr ins Zeug. Meine Lunge wird reißen. Ich falle gleich vom Rad. Sauerstoff! Diese unmenschliche Anstrengung hält doch niemand aus! Anscheinend doch: insgesamt werde ich  9,8 Kilometer leiden. Und dafür 44 Minuten brauchen. Also sehr sehr lange.

Jan hat nicht mit Photoshop gespielt – das Lachen ist echt. Ich habe wirklich Spaß!

Aber ich habe dafür sehr sehr viel Spaß. Und das mit der Top-Ten-Platzierung hat auch geklappt. Ich bin siebte geworden. Von sieben Frauen. Also: bis zum nächsten Mal!

P.S. 
Die fantastischen Fotos hat Jan aka @runboyrun_jd gemacht und ich darf sie netterweise benutzen. Danke, Jan!

P.P.S.
Maren ist Zweite geworden, yay! Herzlichen Glückwunsch!

Die Pässe bitte!

Endlich Urlaub mit C. und Bonnie in den Bergen! Die Häuser in meiner Lieblingszweitenheimat bringen mich zum Weinen. Heller Stein, urgemütliche Holzbalkons mit – falls die Geranienpracht es zulässt – Blick auf den Wendelstein.

…meine Welt sind die Bee-heer-geee…

Leider habe ich keine Zeit, mich Schöner-Wohnen-Träumereien hinzugeben, denn ich rase mit C. und C2 (dem sportverrückten Schwager) Richtung Nußdorf am Inn. Denn erst dort geht es bergauf. Und nur das zählt.

Einrollen in Oberbayern (790 Meter)
Hier ist es so wunderwunderschön und ich pedaliere so munter bergauf, dass ich trumpartige Allmachtsgefühle hege: Sehr sehr viele Leute fahren diesen Berg hoch. Diese Leute machen einen guten Job. Einen fantastischen Job. Viele Leute meinen, ich würde diesen Berg nicht schaffen. Sehr sehr unfair. Fake news. Ich kann Fahrrad fahren. Ich fahre jetzt hier hoch. Ich mache das exzellent. Das kann jeder sehen. Ich bin ein stabiles Genie!

Die kleine Radflaminga möchte aus dem Bergeparadies abgeholt und ins Basecamp gebracht werden – vorzugsweise unter NN.

Stabil bleibe ich immerhin bis Törwang. Ich phantasiere von Sauerstoffzelten, Yetis und den Unterschenkeln von Peter Sagan. Was ich als Niederrheinerin eben so gemeinhin mit “Bergen” assoziiere. Unmittelbar bevor ich die C.s anflehe, mir bitte bitte eine Sauerstoffflasche zu organisieren, fällt mir ein, dass Bora Hansgrohe-Radprofi Marcus Burghard ja hier wohnt! Vielleicht sogar direkt hinter diesem Geranienbalkon!

Was wenn er mich sieht? Das wäre natürlich oberpeinlich. C. und C2 nicken bestätigend und sagen, dass ich mich in der Tat ein bisschen schämen sollte, warum nicht gleich auf’s E-Bike und ein Wunder, dass ich nicht rückwarts hinunterrolle. Gott sei Dank legen wir eine Pause ein und ich kann mich unauffällig regenerieren. Durchschnaufen. Es hilft. Berge are great again! Denn es geht bergab und dem Schnitzel entgegen.
Höhentraingslager Teil 1 – check!

Würzjoch (1987 Meter)
Fortsetzung des Höhentrainingslagers in Südtirol. C. und ich diskutieren, ob wir an der Höhenkrankheit leiden. Pro: Unsere Unterkunft befindet sich auf 1300 Metern und wir haben ein bisschen Kopfschmerzen. Contra: Unser Weinkonsum ist in den vergangenen Tagen signifikant gestiegen.

…duuunkle Tannen…

Wir wollen nur eine kurze Runde drehen, durch Orte, die Piccolina, Zwischenwasser, Rina und St. Martin in Thurn heißen. Es ist sehr heiß. Es ist sehr steil. Am Ende der steilsten Kehre ever steht ein Stall. Weil ich nicht mehr kann, fahre ich direkt darauf zu und kippe vor einer Kuh um. Irgendwann erreichen wir ein Schild. “Schau mal, nur 8 Kilometer bis zum Würzjoch! Lass uns einen Abstecher machen!”

Hier ahne ich noch nichts von C.s Pass-Plänen.

C. ist begeistert und biegt bereits auf die Passstraße ein. Mir bleibt also keine Wahl. Kurz vor einer kleinen Brücke wartet C. auf mich. Weil ich nicht mehr kann und mich außerdem dramatisch in Szene setzen möchte, werfe ich mich mit Bonnie auf den Boden und strecke die Beine in den Himmel.

Steilanstrengendunmöglichumkehrenjetzt. C. bespritzt mich mit Wasser aus der Trinkflasche und schiebt mir einen Riegel in den Mund. Das bedeutet wohl, dass ich weiterfahren soll. Das heißt Anfahren am Berg. Unschön. Bonnie schräg zur Straße stellen und panisch versuchen, einzuklicken. Funktioniert. Meine Motivation ziehe ich abwechselnd aus der kitschig-herrlichen Berglandschaft um mich herum und der Vorstellung, was meine Freunde wohl sagen werden, wenn ich ihnen von meinen Rennrad-Heldinnentaten berichte (Edit: Was Freunde hinterher tatsächlich sagen: “Warum machst du das?”).

Das ist ja die Höhe!

Ich schraube mich immer weiter nach oben und bemerke schließlich, dass sich überhalb von mir nichts mehr befindet. Tatsächlich sehe ich hinter der nächsten Kehre eine Hütte! Sprich: alles, wovon ich jetzt träume (Cola, Schlutzkrapfen) liegen in sehr erreichbarer Nähe. Das spornt mich dazu an, trotz beachtlicher Steigung sehr schnell zu strampeln und jubelnd am Würzjoch-Schild auf den schnaufenden C. zu warten. Wir verleiben uns die von mir erträumten Köstlichkeiten ein und genießen dabei den unwirklichen Blick auf das Bergpanorama.
Fortschritte im Höhentrainingslager erzielen – check!

Passo di Giau (2236 Meter)
C. und ich schämen uns ein bisschen. Um den Passo die Giau hochradeln zu können, fahren wir nämlich zuvörderst über ein paar andere Pässe (Valparola und Falzarego) nach Pocol – aber mit dem Auto. Wir wollen nämlich da in Ruhe vor uns hinpendeln und ächzen, wo sich möglichst wenig Verkehr auf die Gipfel wälzt. Und tatsächlich, auf der Seitenstraße Richtung Giau unterbrechen allein unser Keuchen und die Kettengeräusche das alpine Schweigen.

…grüüüüne Wiesen im Sonnenschein…

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich gut in Form bin. Ob es das kühlere Wetter ist? Das Höhentraining? Schließlich wohnen wir derzeit nicht nur recht hoch, sondern wir haben uns gestern auch auf 2500 Meter gondeln lassen. Wenn ich die Mount-Everest-Abenteuerromane richtig in Erinnerung habe, ist das Prinzip schonmal richtig: Hoch und wieder runter, hoch und wieder runter. Jedenfalls erreiche ich (rückblickend zumindest) in erstaunlich kurzer Zeit, mühelos und mit Kraft für einen Gipfelspurt denselbigen.

Ich sonne mich noch im Lob des mir entgegenkommenden Radlers – “Bravo!” Kann aber auch sein, dass er die Landschaft meinte.

Auch wenn ich versuche, sehr professionell und lässig zu erscheinen, kann ich am Pass-Schild einen Jubelschrei nicht unterdrücken. C. holt uns etwas zu trinken und er schenkt mir einen coolen Aufnäher, auf dem “Passo di Giau 2236 m” steht. Wir feiern mit Cappucino und bedenken Menschen, die mit einem Bus hergekarrt wurden, mit mitleidigen Blicken. Bergab testet C. seine Kamera-Skills und filmt, wie ich an bimmelnden Kühen vorbei ins Tal sause.
Höhentrainingslager Bosslevel – check!

Staller Sattel (2048 Meter)
Wir wollen den Autos entgehen. Also fahren wir mit dem Auto über den (wunderwunderschönen) Furkelpass nach Antholz, um den Staller Sattel auf der italienisch-österreichischen Grenze in Angriff zu nehmen.

Timing ist am Staller Sattel alles.

Wir parken an einem Sporthotel, in dem bereits viele berühmte Biathleten zu Gast waren. C., den ich in Verdacht habe, heimlich von einer Karriere als Leistungssportler im deutschen Biathlonkader zu träumen, ist beeindruckt. Natürlich besuchen wir auch noch das Stadion für die schießenden Skifahrer gleich daneben. Dann kommen wir in einen Stau. Mit den Rädern.

Weil der Weg hinauf superschmal ist, wird die Passstraße nur jeweils 15 Minuten pro Stunde geöffnet. Unten warten dann alle, die hochwollen. Das Hinaufradeln wird erst gemütlich, wenn die motorisierte Kolonne vorbeigedonnert ist. Die Straße ist im Top-Zustand, windet sich durch Tannenwald und lässt kaum Zeit zum Ausruhen. Wir pedalieren konzentriert und ohne Pause – auch das dauert weniger lange als erwartet.

Bergfazit: die Aussicht ist immer fantastisch!

Am funkelblauen See auf dem kleinen Plateau schlemmen wir Flädlesuppe und ich überlege, ob ich eventuell colasüchtig geworden bin. Bevor wir hinter der röhrenden Autoschlange wieder ins italienische Tal düsen, radeln wir zwecks weiteren fantastischen Bergaussichten noch zur anderen Seite der Hochebene.
Höhentrainingslager erfolgreich abgeschlossen!

P.S. Für die Nerds
Bei den Höhenangaben handelt es sich nicht um die tatsächlich gefahrenen Höhenmeter, sondern um den bei der Tour jeweils höchsten erreichten Punkt.

…brauch ich zum glücklich sein!