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Geschafft!

22. Juni
What’s App von Mama: Sie schickt mir eine Reihe vorwurfsvoll dreinblickender Emojis und teilt mir mit, dass sie meinen Plan, bei Düsseldorf300 mitzufahren, nicht gutheißt. Ich schwöre, Vernunft walten zu lassen und habe sogar ein Motto für den Tag: „Kräfte sparen, regelmäßig essen und viel trinken.“

Für diese schicke Mütze habe ich einen ganzen Tag lang hart getreten!

23. Juni, 5 Uhr, im Hof der Schicken Mütze
Ich tanke Espresso, greife meine prall gefüllte Startertüte ab und checke nochmal mein Handy. Mamas Emojis gucken jetzt besorgt; einige weinen. Ich soll gut auf mich aufpassen. Ehrenflamingo Martin wünscht mir „langanhaltenden Spaß“ und Maren schreibt „Vergiss nicht, du kannst alles am besten!“

Ich tippe auf den Wahoo Elemnt Bolt, den ich extra für die große Tour von Konrad leihen durfte (nochmals vielen Dank an dieser Stelle) und rolle in der milden Morgenluft Richtung Kö. Kaum ein Auto, dafür rote Ampeln und zeternde Halsbandsittiche. Bereits am Grafenberger Wald lasse ich Heiner und Ulrike ziehen und ich kurbele in meinem Wohlfühltempo weiter aus der Stadt heraus.

Schlange stehen für die große Fahrt.

Knittkuhl/Wülfrath
… und Berge hinauf! Berge! Ein Paradies! Hier war ich noch nie. Vor mir steigt die Sonne langsam höher, links sattgrüne Wälder, rechts duftende Weizenfelder, Vögel jauchzen mir zu. Das ist ja wie im Urlaub! Vor lauter Begeisterung merke ich gar nicht, dass es immer wieder giftig bergauf geht.

Velbert-Langenberg
Okay, den Sender merke ich dann doch. Erstbesteigung für die Radflamingos. Warum auch nicht – ausgerechnet an dem Tag, an dem noch 247 Kilometer vor mir liegen. Und der Esel. Und der Hülser Berg.

Verpflegungsstation 1 – Cycle Café Velbert Ruhr
Kuchen, ha! Beschwingt fülle ich Wasser nach und trage mehr Sonnencreme auf. Ich habe gute Beine und ich werde sie benutzen!

Auch wenn es so aussieht – ich löse nicht die Probleme dieser Welt, sondern denke über Sonnencreme und Bananenbrot nach.

Esel
I-ah! War doch gar nicht so schlimm. Und nach Geschwindigkeit fragt ja niemand. Zumindest nicht heute. Fun fact: Wusstet Ihr, dass türkische Esel „Aaah-i“ machen?

Dem Rhein entgegen
Es geht bergab mit den Radflamingos. Immer Richtung Rhein. Die Gefilde werden heimatlicher. Da vorne, müsste das nicht Duisb- oh. Essen. Mühlheim. Gut, ich habe keine Ahnung wo ich bin. Ich habe mich nicht, wie empfohlen, „intensiv” mit der Strecke beschäftigt und verlasse mich darauf, dass der Wahoo funktioniert. Macht er. Und ich folge brav den Pfeilen und genieße waldige, schattenreiche Kilometer.

Duisburg
Das einzige was hier Schatten spendet, ist… nope, kein Schatten im Großraum Duisburg. Nur supersengende Saharasonne. Bestimmt schmilzt gleich der Asphalt. Sehnsüchtig werfe ich einen Blick auf den Rahmersee, und den Rhein möchte ich am liebsten mit Bonnie durchschwimmen.

Hülser Berg
Immerhin weiß ich, wo ich jetzt bin. In einem dunklen, nicht ganz so heißen Wald. Vor einem Berg in meinem home turf. Ächzend kurbele ich hinauf. Da ich mich nicht „intensiv“ mit der Strecke beschäftigt habe, weiß ich auch nicht, dass Verpflegungsstation Nummer 2 nur 100 Meter weiter, direkt hinter dem Gipfel liegt. Ich verschnaufe lautstark auf einem Baumstamm, kippe magensiumangereichertes Wasser in mich hinein und knabbere pflichtbewusst an einem aufgewärmten Müsliriegel.

Verpflegungsstation 2 – JEDI Sports
Ach, hier ist das also, direkt an meiner Feierabendrunde! Ich räume die Platte mit den Apfelsinenspalten ab, verschlinge gierig die köstlichen Paninis, fülle mich und die Bidons mit Wasser und checke mich kurz durch: Meine Beine sind top. Das Hinterteil meckert nicht. Der rechte Nacken sticht ein bisschen. Die Hitze indes setzt meinem Kopf und meiner overall performance merklich zu.

Bei JEDI Sports hat Konrad fotografiert, wie ich die Flamingos küsse. Was niemand weiß: Das macht starke Beine und hebt die Laune!

Niederrhein
Ich fahre mit Dirk zusammen weiter. Wir plaudern angeregt, ich erkläre ihm den Niederrhein und dass es an genau dieser Kreuzung nur 2,2 Kilometer bis nach Hause sind und dass wir gerade unsere Sonntagsrunde rückwärts fahren. Gegenwind haben wir trotzdem, wie immer. Dirk spendet mir Windschatten („Gerne gemacht. Ist doch ein Teamsport!“) und ein Weilchen düsen wir, recht rasch wie ich finde, Richtung Pont. Dort lädt die wohl einzige Bank im Schatten am gesamten Niederrhein (Achtung, journalistischer Insider) zum Verweilen ein. Das ist dringend nötig, dito Nacken dehnen, Banane futtern und Wasservorräte dezimieren.

Niederlande
Ich muss wirklich alles am besten können. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich weiter trete.

Verpflegungsstation 3 – Fort Hazepoot /Café de Fossa
Ich schmeiße Bonnie entkräftet an den Zaun und robbe zur Schüssel mit den Apfelstücken und der Kühlbox mit den Sandwiches! Himmlisch! Dann reiße ich mir ein paar Kleidungsstücke vom Leib und spritze mich von oben bis unten mit dem Wasserschlauch ab.

Mühlhausen (fast zuhause!)
Bäume! Ihr Schatten reicht weit über den Wirtschaftsweg, sodass ich auf selbigem liege und versuche mich an Yoga-Nackenübungen zu erinnern. Außerdem überlege ich, ob C. mich abholen oder ob ich die sieben Kilometer bis Kempen noch selbst fahren soll. Doch ich beschließe, auf jeden Fall noch bis zum nächsten Versorgungspunkt in Willich-Schiefbahn zu radeln. Das sind nur 28 Kilometer. Ein professionell aussehendes „EnergiePowerHydroKoffein-Gel“ in mojitogrün soll mich für diesen Abschnitt puschen.

Irgendwo
Professionell my ass. Jetzt habe ich auch noch Magen. Zusätzlich zu Nacken und Hitze. Was ich erstaunlicherweise nicht habe: Hintern und Beine. Darum kurbele ich stumpf weiter. Mama hat mir inzwischen mehrere What’s Apps geschrieben: „Jetzt reicht’s aber!!“ (Schwitz-Emoji) und „Bitte steig ab!!!“ (Explodierender-Kopf-Emoji).

Verpflegungsstation 3 – Summiteers Cycles
Ich steige ab. Jetzt reicht’s. Weitere 70 Kilometer packe ich nicht. Ich wünsche Dirk viel Glück bei der Weiterfahrt und schließe mich Hans-Jürgen an, der genau wie ich nur noch auf kürzestem Weg nach Düsseldorf gelangen möchte. Das sind schlappe 20 Kilometer geradeaus. 20! Wie niedlich! Wir verirren uns nur einmal in einem Wald und tauchen aus ihm irgendwo bei Heerdt wieder auf. „Landeshauptstadt Düsseldorf“! Habe ich jemals ein schöneres Ortsschild erblickt? Den Tränen nahe schlürfe ich noch mehr Wasser und dann…

Der Anblick dieser Hofeinfahrt hat den kompletten Sonntag meine Gedanken bestimmt.

Kurz vor 20 Uhr, Schicke Mütze
…biege ich nach 250 Kilometern und gut 1.200 Höhenmetern in den Hof der Schicken Mütze ein! Genau unter dem großen „ZIEL“-Banner recke ich meine Faust in den Himmel. Alle im Hof applaudieren und johlen (so wie für alle Fahrer*innen, die hier eintrudeln)! So muss sich ein Etappensieg bei der Tour de France anfühlen, inklusive Hitzeschlacht und Bergankunft. Wenn ich mir jetzt etwas wünschen könnte, dann ein Glas Wasser mit Eiswürfeln und Zitronenscheiben. Jemand reicht mir ein Glas Wasser mit Eiswürfeln und Zitronenscheiben, kaum dass ich mich ausgeklickt habe. Angekommen! Geschafft! Glücklich!

Ich bin – überwältigt.

Kudos
Düsseldorf300 war wirklich fantastisch organisiert! Vielen Dank an die Veranstalter Schicke Mütze und Cycling Club Düsseldorf.
Die tollen Fotos hat Kerstin Kortekamp von der Schicken Mütze gemacht (wenn nicht anders gekennzeichnet)! Vielen Dank, dass ich sie für den Blogbeitrag verwenden darf!
Vielen Dank auch an Dirk, Hans-Jürgen und den netten CCD-Fahrer, der extra auf mich gewartet hat, um mich an eine Gruppe heranzufahren! Ich war leider zu schlapp…

Ich will Spaß, ich geb Gas!

Dieser Artikel gehört zur Aktion “Frauen im Sport”, die Hannah von den Ausdauercoaches ins Leben gerufen hat. Meinen Steckbrief für das Projekt findet Ihr hier. Ich freue mich, dabei zu sein. Wir sind viele!

Die liebe Maren von ichhasselaufen hat in ihrem Blogbeitrag bereits darüber geschrieben, warum die Frauenquote bei Jedermann-Rennen so niedrig ist. In meinem Artikel möchte ich allen, die bei Marens Umfrage nicht mit “Keine Lust” geantwortet haben, Mut machen. Denn es geht doch wirklich nur um eines – finde ich.

Spaß.

Lassen Sie uns durch, wir haben Spaß! Foto: sportograf

Das ist für mich der Dreh- und Angelpunkt, egal ob es um “Nur so“- Sportveranstaltungen oder Wettbewerbe geht. Um alles andere mache ich mir übrigens erst Gedanken, nachdem ich mich für irgendetwas angemeldet habe. Ich halte das für eine nachahmenswerte Vorgehensweise (kurzfristige Zusagen für Ultraläufe und den Ötztaler vielleicht ausgenommen). Wie das funktioniert, möchte ich Euch anhand einiger Beispiele aus meiner schillernden Sportkarriere illustrieren.

Da gab es zum Beispiel einen Triathlon in meiner Heimatstadt Wesel. Triathleten betrachtete ich bis dato mit einer Mischung aus Verehrung und Bewunderung, da sie unfassbare Dinge leisten, von denen langsame Freizeitsportlerinnen wie ich nur träumen können. Also meldete ich mich an. Schließlich handelte es sich um den See meiner Jugend, es gab auch kurze Strecken, Mama und Papa versprachen zu winken und Rennradfahren kann ich schließlich auf jeden Fall.

Was fällt Euch an diesem Bild auf? Richtig – hinter mir ist niemand mehr.

Das Ergebnis fiel ähnlich desaströs aus wie mein anderer Triathlon am Eyller See, aber die Stimmung war bombastisch, alle haben mich angefeuert (sogar die berühmte Weseler Triathletin Mareen Hufe, soweit ich das kurz vor dem Kollabieren richtig erkannt habe), der Auesee ist immer noch so herrlich zu durchschwimmen wie früher und hinterher saß ich mit Freunden und Familie zusammen, um gemütlich Kuchen zu futtern. Ergo: es hat sich gelohnt!

Das ist also mein erster Trick: nicht Nachdenken, Zer-denken und Abwägen, sondern einfach machen. Mein zweiter Trick heißt “Ich kann alles am Besten”. Das ist mein Mantra, und es ist nicht wahr. Aber das macht nichts, weil ich mittlerweile davon überzeugt bin, dass ich zumindest alles irgendwie einigermaßen hinkriege, so lange es sich nicht um Kopfrechnen handelt.

Mit diesem Selbstverständnis nicke ich eifrig und sage sofort “Ja”, wenn Maren vorschlägt (jemanden zu haben, der einen mitzieht, ist übrigens Trick Drei), beim Bockumer Kriterium mitzufahren. Wir waren die einzigen Frauen, ich war die langsamste von allen, ich fürchtete mich sehr vor unschönem Asphaltkontakt und Männern, die auf aerodynamischen Rädern brüllend ihr Wegerecht fordern.

Auch hier befindet sich hinter mir… niemand. Foto: Christian Siedler

Doch wer sich Sorgen macht, leidet doppelt. Ich litt nur muskel- und lungentechnisch gesehen, und meine Befürchtungen erwiesen sich als völlig unbegründet. Keine Stürze und absolut faires und sportliches Verhalten der männlichen Mitfahrer. “Nur” in der Siegerwertung tauchten Maren (Platz 1) und ich (Platz 2) nicht auf. Und damit sich das ändert, gibt’s nur eins: fahrt mit! Außerdem gibt es hinterher immer Kuchen!

Fazit
Ich glaube, dass Teilnahmen (oder eher die Nicht-Teilnahmen) an Rennen und Co. eine Kopfsache sind. Wenn Ihr meint, an irgendeiner noch so abwegigen Veranstaltung (Jedermann-Rennen, Bahnrad fahren, Alpenpass bezwingen) Spaß zu haben, seid dabei! Das sollte das einzige Argument im Vorfeld sein. Holt Euch Euren Spaß!

  • auf keinen Fall zu viel nachdenken
  • sich einzureden, alles am besten zu können, hilft tatsächlich
  • lasst Euch anstiften

PS. Ich melde mich jetzt für den Düsseldorf 300 an. Apropos anstiften…

Mein Motto “Ich kann alles am Besten” hat hier etwas und schnell treten ganz besonders geholfen.

Wir sind viele, ich bin alle

Yay, Cyclingworld in Düsseldorf! Selbstverständlich haben die Radflamingos gemäß ihres Wahlspruchs „Ich kann alles am besten“ monatelang herumtrompetet: Um 10 Uhr mit der Schicken Mütze und der ehemaligen Profi-Rennradfahrerin Iris Slappendel ausfahren. Dann chillen und schauen auf der Messe und abends – natürlich – Teilnahme am Cyclocrossrennen. Soweit der Plan.

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen vermutete ich das Messegelände übrigens in Grafenberg. Dass das eventuell gar nicht stimmt, fiel mir um 9.28 Uhr in Flingern-Nord auf. Ein Glück war die Stadt noch leer und meine Beine voller Körner, sodass ich mit Quentin einen rekordverdächtigen Sprint Richtung Meerbusch unternahm und tatsächlich pünktlich mit etwa 40 anderen Frauen die Ausfahrt starten konnte.

Zusammengedrängelt passen wir sogar auf ein Foto.

Und die war einfach klasse! Frauenbewegung Rennrad galore! Im Riesenpeloton rollten wir dahin, und im Vorbeirauschen hörte ich den erstaunten Ausruf eines Fußgängers: „Das sind ja alles Frauen!“ Ganz genau. Sind wir. Und wir sind viele. Und sehr bunt außerdem. Dazu trugen auch die Radklamotten von Iris bei (die ich an dieser Stelle schamlos bewerbe), die es natürlich in der Schicken Mütze (die ich ebenfalls leidenschaftlich anpreise) käuflich zu erwerben gibt.

Vorne links: Iris. Rechts: Kerstin von der Mütze. Danke an dieser Stelle, dass ich Eure Fotos nutzen darf!

Selbstverständlich nutzte ich die fantastische Gelegenheit, mit Iris zu fachsimpeln. Sie lobte, wie ich auf dem Rad sitze, woraufhin ich äußerst beflügelt noch schneller in die Pedalen trat. Dieser Augenblick ist die Chance, geheime Tipps bei Iris abzugreifen und auf diese Weise meiner Radsportkarriere noch den entscheidenden Dreh zu geben!

„Iris, hast du geheime Trainingstipps für mich?“, frage ich also und stelle sicher, dass auch niemand anders mithört.
„Na klar“, sagt Iris. Ha! Fantastisch! Ich werde auch Profiradsportlerin! „Also das Wichtigste ist, Spaß zu haben.“
Hervorragend. Ein fetter Check-Haken. Habe ich immer.

Grau und miesepetrig war bei unserer Ausfahrt allein das Wetter.

„Mein anderer Tipp ist, etwa 90 Prozent lange, ,normale’ Touren zu machen und bei den restlichen zehn Prozent richtig Gas zu geben, bis du nicht mehr kannst.“
Ich lasse alle Momente Revue passieren, in denen ich ächzend über dem Lenker hänge und beschließe, dass meine Aussichten im Profiradsport gut stehen.

Gegen 14 Uhr landen wir wieder am Areal Böhler und werden von den Mützen umgehend mit Kuchen versorgt. Desweiteren erfreut mich die Sitzgelegenheit, obwohl ich mir nicht erklären kann, wieso ich mich nach 60 Kilometern so schlapp in den Waden fühle. Egal. Ich überbrücke die Zeit bis zum Cyclocrossrennen damit, mich in glitzernde Rennräder zu verlieben, Flamingoaufkleber zu kaufen, mich für Fahrradschlossinnovationen zu interessieren und mit vielen Menschen, die ich endlich wieder- oder zum ersten Mal sehe, zu plaudern. Herrlich.

Wie niedlich! Passt mir leider nicht, und mein kleiner Neffe sträubt sich noch gegen den Radsport, aber ich arbeite daran.

Der Abend naht. Ich schwächele und habe mich in Sachen Sitzgelegenheit bereits auf die Kategorie „Sofa“ geupgradet. Die Getränkezufuhr am Stand von In Velo Veritas kann mittlerweile ebenfalls sehr gefallen, eignet sich aber nicht unbedingt als Vorbereitung für ein Crossrennen.

Ich bin alle. Platt. Und eine Entscheidung muss her! Ich hadere. Einerseits: meine Selbstachtung! Andererseits: meine Beine! Es kostet mich Überwindung, doch dann steht mein Entschluss fest: Abbruch! Kein Start. Stattdessen pedaliere ich entspannt zum Bahnhof, lasse mich nach Hause schaukeln und werde von C. mit Lasagne empfangen. Alles richtig gemacht.

“…if I should ever recover…”

Dieses hübsche Zitat von André Greipel, der am Sonntag coolerweise ebenfalls beim NRW Crosscup in Hürth-Kendenich am Start war, leitet meine heutige Trauma-Verarbeitung passend ein. Die Radflamingos haben sehr gelitten und befinden sich damit in guter Gesellschaft. Das tröstet ein bisschen.

Mit DEN Beinen kann das doch gar nicht so anstrengend sein!

Auf Instagram und Facebook habe ich bereits betont, wieviel Spaß ich beim Rennen hatte – und das stimmt! Doch genau wie die SPD “werden und müssen” die Radflamingos jetzt „die Gründe für das schlechte Abschneiden sorgfältig analysieren – auf allen Ebenen.” Einer der Gründe ist „sicherlich auch die schlechte Performance der großen Koalition in Berlin“ ohne Zweifel das quasi unbezwingbare Hindernis, das die Bombtrack Bicycle-Veranstalter in die Strecke integriert haben: die MAUER.

Großer Vorteil für Jon Snow und Konsorten – der Aufzug!                                             (Foto: GoT-Screenshot)

Da ich sehr lange brauchte, um sie zu erklimmen, hatte ich Zeit zum Nachdenken. Meine Erkenntnis: Cyclocross ist wie Game of Thrones. Es ist extrem brutal und macht süchtig.

Die Radflamingos analysieren weiter und machen es sich wahrlich nicht leicht. Eine meterhohe Wand kann und darf selbstverständlich nicht der Grund für unser Komplettversagen sein. Viel eher dann doch mangelndes Training die Tatsache, dass ich auf malerischen Waldwegen automatisch in eine “Spazierfahr-Geschwindigkeit” verfalle (anders sind die Rundenzeit auch nicht zu erklären).

Hürther Herbstidylle. Nicht zu hören: mein verzweifeltes Keuchen.

Ich werde wohl auch noch an meinen Auf- und Abspringfähigkeiten feilen müssen. Allerdings möchte ich nicht ohne Stolz darauf hinweisen, dass ich a) nicht umgekippt bin und b) vor allem im Sandkasten meine Stärke (locker joggen) ausspielen konnte. Doch um es mal in den Worten der SPD zu sagen: “Da ist Luft nach oben”. Sehr viel Luft sogar.

Mein ganz persönliches Luft-nach-oben-Ziel.

Vielleicht sollte ich auch darüber nachdenken, aggressiver zu starten. Wie ich nach wenigen Metern (und diesmal war ich nicht auf dem Mountainbike unterwegs) bereits den Anschluss verlieren konnte, ist mir äußerst rätselhaft. Zumal ich doch auf der Straße halbwegs vernünftig fahre.

Meine nächste Baustelle ist mir am allerpeinlichsten: die Berge der Anstieg. Ein Trikot mit roten Punkten steht mir seit diesem Sommer meiner “Ich-kann-alles-am-Besten-Meinung” nach ziemlich gut. Berge sind total mein Ding! Bis Sonntag, als sich hinter den ersten Kurven im Wald der Mount Kendenich erstreckte. Ein zugegebenermaßen sehr kleiner Berg. Aber ein steiler, giftiger Anstieg. Ich stecke in einem Dilemma. Ich könnte tatsächlich hochtrampeln, würde mich dabei aber so verausgaben, dass ich oben – falls ich ankomme und falls ich überlebe – nicht mehr weitermachen kann.

Was ich wirklich am besten kann: locker durch den Wald cruisen.

Option zwei: Ich muss den richtigen Augenblick erwischen, um abzuspringen. Das sollte nicht zu weit unten geschehen, weil bergauf schieben blöd ist, aber auch nicht so weit oben, dass ich beim Ausklicken sofort mit Quentin bergab rutsche. Ich entscheide mich für Letzteres und hänge bereits nach diesem ersten Hindernis nun endgültig hinterher.

Als ich irgendwann das Ziel erreiche, sind alle anderen schon längst da. Im Ergebnisplan statt einer Zeit nur “-1” zu lesen, deprimiert mich ja schon ein bisschen. Da hilft nur eins, sagt Ehrenflamingo Martin streng, und er will meine Rennanalyse gar nicht hören. “Mehr Training!”

Radflamingo MO: Auf die Stufe stellen, Quentin hinterherziehen, verschnaufen. Nächste Stufe erklimmen, Quentin hinterherziehen…

P.S.
Ein riesiges Dankeschön an Christian Siedler, der die fantastischen Fotos gemacht hat! Er hat mich auch zu einem neuen Motto inspiriert, das, ähem, wahrscheinlich besser zu mir passt: “Erlebnis vor Ergebnis”. Schaut unbedingt mal auf Pushing Limits vorbei, Christian bloggt darüber, wie er und seine Freundin sich gemeinsam auf eine Langdistanz vorbereiten!

 

Crosse Leistung

Mein Motto lautet “Ich kann alles am besten”. Wer diesen Blog aufmerksam liest und/oder mich kennt, stellt schnell fest, dass das eine dreiste Lüge ist. Vielmehr ist das meine Ausrede, neue Dinge auszuprobieren. Das mache ich nämlich wirklich gern, vor allem im sportlichen Bereich – auch wenn ich vorzugsweise Maren von ichhasselaufen die Schuld für meine Aktivitäten gebe. Das tue ich auch jetzt. Sie hat mich angestiftet, beim Cyclocrosscup NRW in Dorsten mitzufahren.

Maren (vorne in der Mitte auf Karlson) ist mir schon nach wenigen Metern (!) entschwunden.

Ich bin erst ein Mal Cyclocross gefahren. Mit mäßigem Erfolg, und leider besitze ich (immer noch) keinen Crosser. Wurscht! Voller Vorfreude auf Matsch und Hindernisse und mit der Aussicht auf eine Top-Ten-Platzierung schnalle ich mein Mountainbike aufs Auto. Auf dem Wulfener Marktplatz treffe ich Maren mit Familienfreundefanblock und lausche der Strecken-Fachsimpelei. Ich verstehe “Sandkasten” und “Treppen” und hyperventiliere heimlich. Ja, Maren hat mir ein Video der Strecke gemailt, und ja, ich hätte mir die Runde um den See anschauen können. Aber wer sich nicht vorbereiten will, muss eben fühlen.

Ich habe einiges gefühlt: Ein Vakuum, dort wo ich meine Lunge vermute, zum Beispiel. Einen Presslufthammer in der Herzgegend. Von innen brennende Luftröhren, weil ich gar nicht so schnell und tief atmen konnte, wie ich es gebraucht hätte. Ich bin sehr froh, dass es keine Tonaufnahmen vom Rennen gibt, und ich hoffe, dass auch keine auftauchen. Denn ja, ich habe gekeucht wie ein Schwein. Laut. Verzweifelt. Nicht schön. So. Jetzt ist es raus.

Dieses Foto macht mich sehr glücklich. Denn es beweist: Auch andere Menschen, einen Hauch professioneller unterwegs als ich, mussten vor Anstrengung keuchen.

Doch dazu hatte ich allen Grund. Zuerst führte die Strecke wie in einem Labyrinth im Kreis herum. Ich kippte nicht um. Ein Erfolg, den ich nicht lange genießen konnte, weil zwei Bretter im Weg standen – flach und rechteckig, nicht besonders hoch und ein paar Meter auseinander. Was ich, wie die anderen, hätte tun sollen: Im Fahren abspringen, mit dem Rad über der Schulter rasch hinüberschweben, kurz den Boden berühren, das nächste Brett überschweben, elegant aufsitzen und weitertreten. Tatsächlich habe ich vor dem Brett scharf gebremst, habe die günstigste Stelle gesucht, um Schnurri über das Holz zu wuchten. Schieben. Wieder wuchten. Dann aufsteigen. Die Pedalen in Position bringen. Ich trage Turnschuhe, die Pedalen sind nur von einer Seite flach und zum Antreten geeignet. Endlich. Schub. Schnell noch schalten. Hier auf dem Waldweg geht’s.

Doch dann. Noch mehr Bretter! Und gleich dahinter die “Dorstener Welle” – drei Holzböcke, die es zu überfahren gilt (was ich geschafft habe, Applaus!). Und jetzt wird’s eng und steil. Noch steiler. Sandig. Wieder schieben. Alle anderen sind schon längst sehr weit weg. Ich höre nur noch mein Keuchen. Ha, der Sandkasten! Vollgas vom Deich runter, das macht Spaß, ausruhen für fünf Sekunden und schließlich  Schnurri durch den Sand zerren.

Ihr kennt das sicher aus Alpträumen – man müht sich durch tiefen Sand und kommt nicht vorwärts.

Weitere Hindernisse umfassen eine fast meterhohe Stufe (ich fahre sie runter, jawohl! Mehr Applaus!), eine unanständig steile Kante, unverschämt enge Kurven und zwei Treppen, die ich mein Rad hochtragen muss – um dann mitten im Wulfener Gemeindehaus zu landen, durch das die Strecke witzigerweise führt.

Inzwischen bin ich nicht mehr allein. Wegen den Überrundungen – und wegen der Fans! Denise und Markus und Jan und Marens Familie, alle feuern mich an! Ich lege mich ein bisschen mehr ins Zeug. Meine Lunge wird reißen. Ich falle gleich vom Rad. Sauerstoff! Diese unmenschliche Anstrengung hält doch niemand aus! Anscheinend doch: insgesamt werde ich  9,8 Kilometer leiden. Und dafür 44 Minuten brauchen. Also sehr sehr lange.

Jan hat nicht mit Photoshop gespielt – das Lachen ist echt. Ich habe wirklich Spaß!

Aber ich habe dafür sehr sehr viel Spaß. Und das mit der Top-Ten-Platzierung hat auch geklappt. Ich bin siebte geworden. Von sieben Frauen. Also: bis zum nächsten Mal!

P.S. 
Die fantastischen Fotos hat Jan aka @runboyrun_jd gemacht und ich darf sie netterweise benutzen. Danke, Jan!

P.P.S.
Maren ist Zweite geworden, yay! Herzlichen Glückwunsch!

Die Pässe bitte!

Endlich Urlaub mit C. und Bonnie in den Bergen! Die Häuser in meiner Lieblingszweitenheimat bringen mich zum Weinen. Heller Stein, urgemütliche Holzbalkons mit – falls die Geranienpracht es zulässt – Blick auf den Wendelstein.

…meine Welt sind die Bee-heer-geee…

Leider habe ich keine Zeit, mich Schöner-Wohnen-Träumereien hinzugeben, denn ich rase mit C. und C2 (dem sportverrückten Schwager) Richtung Nußdorf am Inn. Denn erst dort geht es bergauf. Und nur das zählt.

Einrollen in Oberbayern (790 Meter)
Hier ist es so wunderwunderschön und ich pedaliere so munter bergauf, dass ich trumpartige Allmachtsgefühle hege: Sehr sehr viele Leute fahren diesen Berg hoch. Diese Leute machen einen guten Job. Einen fantastischen Job. Viele Leute meinen, ich würde diesen Berg nicht schaffen. Sehr sehr unfair. Fake news. Ich kann Fahrrad fahren. Ich fahre jetzt hier hoch. Ich mache das exzellent. Das kann jeder sehen. Ich bin ein stabiles Genie!

Die kleine Radflaminga möchte aus dem Bergeparadies abgeholt und ins Basecamp gebracht werden – vorzugsweise unter NN.

Stabil bleibe ich immerhin bis Törwang. Ich phantasiere von Sauerstoffzelten, Yetis und den Unterschenkeln von Peter Sagan. Was ich als Niederrheinerin eben so gemeinhin mit “Bergen” assoziiere. Unmittelbar bevor ich die C.s anflehe, mir bitte bitte eine Sauerstoffflasche zu organisieren, fällt mir ein, dass Bora Hansgrohe-Radprofi Marcus Burghard ja hier wohnt! Vielleicht sogar direkt hinter diesem Geranienbalkon!

Was wenn er mich sieht? Das wäre natürlich oberpeinlich. C. und C2 nicken bestätigend und sagen, dass ich mich in der Tat ein bisschen schämen sollte, warum nicht gleich auf’s E-Bike und ein Wunder, dass ich nicht rückwarts hinunterrolle. Gott sei Dank legen wir eine Pause ein und ich kann mich unauffällig regenerieren. Durchschnaufen. Es hilft. Berge are great again! Denn es geht bergab und dem Schnitzel entgegen.
Höhentraingslager Teil 1 – check!

Würzjoch (1987 Meter)
Fortsetzung des Höhentrainingslagers in Südtirol. C. und ich diskutieren, ob wir an der Höhenkrankheit leiden. Pro: Unsere Unterkunft befindet sich auf 1300 Metern und wir haben ein bisschen Kopfschmerzen. Contra: Unser Weinkonsum ist in den vergangenen Tagen signifikant gestiegen.

…duuunkle Tannen…

Wir wollen nur eine kurze Runde drehen, durch Orte, die Piccolina, Zwischenwasser, Rina und St. Martin in Thurn heißen. Es ist sehr heiß. Es ist sehr steil. Am Ende der steilsten Kehre ever steht ein Stall. Weil ich nicht mehr kann, fahre ich direkt darauf zu und kippe vor einer Kuh um. Irgendwann erreichen wir ein Schild. “Schau mal, nur 8 Kilometer bis zum Würzjoch! Lass uns einen Abstecher machen!”

Hier ahne ich noch nichts von C.s Pass-Plänen.

C. ist begeistert und biegt bereits auf die Passstraße ein. Mir bleibt also keine Wahl. Kurz vor einer kleinen Brücke wartet C. auf mich. Weil ich nicht mehr kann und mich außerdem dramatisch in Szene setzen möchte, werfe ich mich mit Bonnie auf den Boden und strecke die Beine in den Himmel.

Steilanstrengendunmöglichumkehrenjetzt. C. bespritzt mich mit Wasser aus der Trinkflasche und schiebt mir einen Riegel in den Mund. Das bedeutet wohl, dass ich weiterfahren soll. Das heißt Anfahren am Berg. Unschön. Bonnie schräg zur Straße stellen und panisch versuchen, einzuklicken. Funktioniert. Meine Motivation ziehe ich abwechselnd aus der kitschig-herrlichen Berglandschaft um mich herum und der Vorstellung, was meine Freunde wohl sagen werden, wenn ich ihnen von meinen Rennrad-Heldinnentaten berichte (Edit: Was Freunde hinterher tatsächlich sagen: “Warum machst du das?”).

Das ist ja die Höhe!

Ich schraube mich immer weiter nach oben und bemerke schließlich, dass sich überhalb von mir nichts mehr befindet. Tatsächlich sehe ich hinter der nächsten Kehre eine Hütte! Sprich: alles, wovon ich jetzt träume (Cola, Schlutzkrapfen) liegen in sehr erreichbarer Nähe. Das spornt mich dazu an, trotz beachtlicher Steigung sehr schnell zu strampeln und jubelnd am Würzjoch-Schild auf den schnaufenden C. zu warten. Wir verleiben uns die von mir erträumten Köstlichkeiten ein und genießen dabei den unwirklichen Blick auf das Bergpanorama.
Fortschritte im Höhentrainingslager erzielen – check!

Passo di Giau (2236 Meter)
C. und ich schämen uns ein bisschen. Um den Passo die Giau hochradeln zu können, fahren wir nämlich zuvörderst über ein paar andere Pässe (Valparola und Falzarego) nach Pocol – aber mit dem Auto. Wir wollen nämlich da in Ruhe vor uns hinpendeln und ächzen, wo sich möglichst wenig Verkehr auf die Gipfel wälzt. Und tatsächlich, auf der Seitenstraße Richtung Giau unterbrechen allein unser Keuchen und die Kettengeräusche das alpine Schweigen.

…grüüüüne Wiesen im Sonnenschein…

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich gut in Form bin. Ob es das kühlere Wetter ist? Das Höhentraining? Schließlich wohnen wir derzeit nicht nur recht hoch, sondern wir haben uns gestern auch auf 2500 Meter gondeln lassen. Wenn ich die Mount-Everest-Abenteuerromane richtig in Erinnerung habe, ist das Prinzip schonmal richtig: Hoch und wieder runter, hoch und wieder runter. Jedenfalls erreiche ich (rückblickend zumindest) in erstaunlich kurzer Zeit, mühelos und mit Kraft für einen Gipfelspurt denselbigen.

Ich sonne mich noch im Lob des mir entgegenkommenden Radlers – “Bravo!” Kann aber auch sein, dass er die Landschaft meinte.

Auch wenn ich versuche, sehr professionell und lässig zu erscheinen, kann ich am Pass-Schild einen Jubelschrei nicht unterdrücken. C. holt uns etwas zu trinken und er schenkt mir einen coolen Aufnäher, auf dem “Passo di Giau 2236 m” steht. Wir feiern mit Cappucino und bedenken Menschen, die mit einem Bus hergekarrt wurden, mit mitleidigen Blicken. Bergab testet C. seine Kamera-Skills und filmt, wie ich an bimmelnden Kühen vorbei ins Tal sause.
Höhentrainingslager Bosslevel – check!

Staller Sattel (2048 Meter)
Wir wollen den Autos entgehen. Also fahren wir mit dem Auto über den (wunderwunderschönen) Furkelpass nach Antholz, um den Staller Sattel auf der italienisch-österreichischen Grenze in Angriff zu nehmen.

Timing ist am Staller Sattel alles.

Wir parken an einem Sporthotel, in dem bereits viele berühmte Biathleten zu Gast waren. C., den ich in Verdacht habe, heimlich von einer Karriere als Leistungssportler im deutschen Biathlonkader zu träumen, ist beeindruckt. Natürlich besuchen wir auch noch das Stadion für die schießenden Skifahrer gleich daneben. Dann kommen wir in einen Stau. Mit den Rädern.

Weil der Weg hinauf superschmal ist, wird die Passstraße nur jeweils 15 Minuten pro Stunde geöffnet. Unten warten dann alle, die hochwollen. Das Hinaufradeln wird erst gemütlich, wenn die motorisierte Kolonne vorbeigedonnert ist. Die Straße ist im Top-Zustand, windet sich durch Tannenwald und lässt kaum Zeit zum Ausruhen. Wir pedalieren konzentriert und ohne Pause – auch das dauert weniger lange als erwartet.

Bergfazit: die Aussicht ist immer fantastisch!

Am funkelblauen See auf dem kleinen Plateau schlemmen wir Flädlesuppe und ich überlege, ob ich eventuell colasüchtig geworden bin. Bevor wir hinter der röhrenden Autoschlange wieder ins italienische Tal düsen, radeln wir zwecks weiteren fantastischen Bergaussichten noch zur anderen Seite der Hochebene.
Höhentrainingslager erfolgreich abgeschlossen!

P.S. Für die Nerds
Bei den Höhenangaben handelt es sich nicht um die tatsächlich gefahrenen Höhenmeter, sondern um den bei der Tour jeweils höchsten erreichten Punkt.

…brauch ich zum glücklich sein!

Hätte hätte… Dixitoilette

Samstag
Heute hat C. mich, unsere Gasttochter Jocelyn und meinen Glücksbringer-Plüschflamingo Klaas nach Rotterdam kutschiert. Wir treffen alle Teilnehmer vom Projekt Dein erster Marathon und holen unsere Startnummern ab. Wir diskutieren unseren Trainingsstand (mehr geht nicht), Zielzeiten (4:30) und Nervositätslevel (tiefenentspannt) und freuen uns.

2018-04-07-deinerstermarathon-rotterdam-0124

Der erste Schritt zum erfolgreichen Marathon: Wir sind im Besitz der Startnummern.

Dann folgt die erste Herausforderung: Ich muss mich am Pasta-Buffet beherrschen. Sonst ist morgen rollen angesagt. Auf ein Glas Rotwein verzichte ich sicherheitshalber auch. Von wegen “Pasta-Party”. Aber das hole ich nach, wenn ich eine Finisherin bin. Dafür folge ich den Anweisungen erfahrener Marathonis und schütte sehr viel Wasser in mich hinein: “Morgen wird es heiß und anstrengend. Nur ein hydrierter Körper kann volle Leistung erbringen.” Ich tanke mich leider derart auf Leistung, dass ich kaum schlafe und ständig zum Klo rennen muss.

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Viel zu laufen ich noch habe.

Sonntag. Raceday
Ich denke, ich werde demnächst einen Marathonratgeber schreiben. Meine Vorbildfunktion lässt mir keine Wahl! Gestern Wasser statt Rotwein, und heute starte ich den großen Tag mit einer Runde Yoga! Außerdem verhalte ich mich am üppigen Frühstücksbuffet äußerst diszipliniert. Dafür sollten hinterher Minuten gutgeschrieben werden.

Kilometer 0
Ich bin gerüstet und immer noch tiefenentspannt. Ehrenflamingo Martin (der heute den langsamsten Marathon seines Lebens laufen wird) steht neben mir. Ich habe meinen durchgeplanten Energiegelvorrat in meiner Energiegelvorratsgürteltasche verpackt und den Rest mit Magneten am T-Shirt befestigt.

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Ein bisschen Radsport muss sein.                                                                                                       (Foto: C.)

An den Dixieklos ist mächtig was los. Ha. Das habe ich erfolgreich gelöst. Zwei Stunden vor dem Start nichts getrunken und soeben noch die Vorteile der Hoteltoilette genutzt. Jetzt kritzele ich meinen Lieblings-Motivationsspruch auf den Arm. Spätestens ab Kilometer 30 werde ich mir den mal anschauen müssen. So. Bereit. Es kann losgehen.

Kilometer 1
Und es geht los. Die Kulisse auf der Erasmusbrug ist der Wahnsinn! Tausende Läufer, Zuschauer, Hubschrauber kreisen, Wasserfontänen spritzen. Und da steht C. und winkt!

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Nicht im Bild: Ich, wie ich mit offenem Mund staune.

Kilometer 3
Ich glaube, ich muss mal.

Kilometer 4
Die Lage ist ernst. Gibt es auf der Strecke denn gar keine mobile Toiletten?

Kilometer 5
Da sind Dixiklos! Ich kann nicht anders. Ich reihe mich in die meterlange Warteschlange ein. Nach einer zweistelligen Minutenzahl entfleuche ich der blauen Plastikhölle. Ihr 42 Kilometer, ich bin sowas von ready für Euch, kommt doch! Und sie kommen. Mit Lichthupe. Es ist der Besenwagen.

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C. hat meine fantastische Laune auf Kilometer 0,8 eingefangen.

Kilometer 6 bis 17
Das hatte ich mir ein klein wenig anders vorgestellt. Martin verzieht keine Miene. Wir rollen den Marathon in unserem niederrheinischen-Feldwege-Lauftempo von hinten auf: Die Allerletzten, die Letzten, der 5:00-Pacemaker, immer weiter. Nicht zu schnell am Anfang – lautet so nicht der ultimative Marathontipp? Ehrenflamingo Martin fragt nach meinem Puls (166) und beruhigt mich. “Bis 170 ist alles im grünen Bereich.” Also weiter.

Kilometer 18
Das niederländische Staatsfernsehen filmt, wie meine Mutter und Jocelyn meinen Namen kreischen, ich zurücklaufe und wir uns in die Arme fallen, küssen, herzen und rasch ein paar Selfies schießen. Ich habe meine Mutter im Verdacht, dass sie am liebsten nebenher radeln würde, um meine Nahrungsaufnahme zu überwachen (“Kind, bitte, nimm noch ein Butterbrot!”). Bei Kilometer 20 würde sie das Fahrrad quer vor mich stellen und resolut sagen: “Das reicht jetzt aber! Die Hitze!”

Kilometer 19 bis 24
Die Hitze macht mir nicht so arg zu schaffen, wie ich befürchtet habe. Dabei habe ich den letzten langen Lauf bei -5 Grad und Schneetreiben absolviert. Allerdings bin ich voll gewappnet: Mütze, Sonnenbrille, UV 50, Israel-abgehärtet, hervorragend hydriert, und ich nehme jeden Schwamm, Schlauch und Verpflegungsstand mit.

Kilometer 25 bis 29
Das ging jetzt aber irgendwie schnell. Ich wundere mich ein bisschen, dass alles soweit in Ordnung ist. Magen, Waden, Knie, Kopf – check. Ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich die Stationen mit den Wasserbechern sehe, also alle fünf Kilometer. Gehen, trinken, ein Gel schlürfen, Wasser über den Kopf gießen, langsam weitertraben. Ich gucke nicht auf die Pace oder die Zeit, sondern nur ab und zu auf meinen Puls. Grüner Bereich. Weiter.

Kilometer 30 bis 32
Bin ich schonmal gelaufen. Kann ich.

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I guess we’re not in Kempen anymore.

Kilometer 33
Warum eigentlich weiter? Ach ja. Ich habe monatelang dafür trainiert. Sehr diszipliniert sogar. Doch ich habe nicht den kompletten Winter auf matschigen Feldwegen anstatt auf der Couch verbracht, um jetzt aufzuhören!  Außerdem tut nix weh. Es ist nur einfach sehr – anstrengend.

Kilometer 34
Ja, die Beine sind schwer. Aber das ist wirklich alles. Reiß dich z’amm, zefix! Woanders müssen Sportler gerade übers Pavé brettern und du jammerst.

Kilometer 35
Duuuurst! Aber wenn ich zuviel auf einmal trinke, gluggert es im Magen.

Kilometer 36
Ich lese, was auf meinem Arm steht. Fremde Menschen feuern mich an “Hup Annette! Dat ziet mooi uit! Goed gedaan!” Konfettiraketen, Gartenpartys, Musikbands, coole Schilder (“Chuck Norris never ran a marathon!”) und Jubelschreie tragen mich weiter.

Kilometer 37
Jemand reicht mir ein Orangenviertel! Oh mein Gott! Es ist die leckerste Zitrusfrucht, die ich je gegessen habe!

Kilometer 38
Da sind meine Eltern, Jocelyn und C.! Wir feiern! Leider kann ich nicht viel sagen, weil eine halbe Apfelsine in meinem Mund steckt.

Kilometer 39
Meine Beine. Herr im Himmel. Meine Füße sind ziemlich lädiert, aber ich glaube, das tut erst später weh. Moment. 39 Kilometer sind ja fast 40 Kilometer! Also quasi schon 42. Theoretisch bin ich bereits im Ziel!

Kilometer 40
Theoretisch. Praktisch klebe ich auf dem Asphalt. Hebe ich meine Beine eigentlich noch?

Kilometer 41
Noch 1195 Meter. Ein Klacks. Renne ich beim Intervalltraining im 4er-Pace. Warum geht es hier so lange geradeaus? Das Ziel müsste längst in Sicht sein! Die haben sich doch vermessen!

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500 Meter vor dem Ziel und die Erkenntnis: Ich schaffe es tatsächlich!

Eine Rechtskurve. Ziel in Sicht. In Sicht! Ja Wahnsinn. Menschenmassen säumen den Straßenrand und jubeln wie bescheuert! Da steht schon wieder meine Familie! C. drückt mir Klaas, den Glücksbringer-Flamingo in die Hand, und ich fliege fast.

Marathon
4:51:13. Ich habe es geschafft! Noch etwas ungläubig falle ich Ehrenflamingo Martin um den Hals. Es ist vorbei. Ich darf wieder gehen. Wenn ich denn nur könnte. Eine unfassbar große Goldmedaille, eine Rose und soviel Getränke wie ich will, lenken mich kurzzeitig von meinen Schmerzen ab.

Meine Garminuhr, die nur die reine Bewegungszeit erfasst, bescheinigt mir sogar eine Zeit von 4:38. Aber das ist mir egal. Der Rotterdam Marathon 2018 und der Weg dorthin waren ein unglaublich tolles Erlebnis! Vielen Dank an das Bunert Team, New Balance und unser #DeinersterMarathon-Team. Und ganz besonders an Ehrenflamingo Martin und C.! Und nicht zu vergessen Christian Siedler, von dem die fantastischen Fotos sind (falls nicht anders gekennzeichnet). Danke!

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Das trägt man jetzt so.                                                                                                                          (Foto: C.)

Fazit
Vorteile eines Marathons: Riesige Goldmedaille. Ruhm für immer. Nachteile eines Marathons: Man kann Paris-Roubaix nicht live gucken und verpasst die RTF Grefrath. Große Schmerzen während des Laufs. Die Frage nach dem Warum. Große Schmerzen nach dem Lauf. Ergo: Nie wieder!

 

Ich mache eine Ausnahme

Ich bin ein echtes Glückskind. Im letzten Sommer habe ich bei einem Gewinnspiel auf Facebook einen Startplatz für den Rotterdam Marathon 2018 gewonnen – inklusive Leistungsdiagnostik, Trainingsplan und Ausstattung mit tollen Klamotten von New Balance und Laufsport Bunert. Hurra! Wie cool!

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Gleich fließt Blut. Wegen der Leistungsdiagnostik.

Was ich nicht bedacht habe: Marathonvorbereitung findet nicht auf dem Rennrad statt. Außerdem ist sie anstrengend und zeitintensiv. “Jetzt heißt es wohl ‘Quäl dich, du Sau!'”, denke ich, als ich meinen meterlangen Trainingsplan an den Kühlschrank klebe. Das findet auch der beste Läufer der Welt, Ehrenflamingo Martin. Ich hege den Verdacht, dass es ihm a) große Freude bereitet, mir bei der Umsetzung der Trainingskilometer behilflich zu sein und b) mich dabei leiden zu sehen.

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Seit ein paar Monaten verläuft mein Leben nach Plan.

Zu meinem großen Bedauern lässt er keine einzige meiner ständigen und sehr kreativen Ausreden, warum das Training heute unbedingt ausfallen muss, gelten.
“Zu dunkel!” – “Super, dann kriegen wir keinen Sonnenbrand.”
“Es regnet!” – “Die meisten Tropfen fallen daneben.”
“Zu kalt!” – “Dann trainierst du nicht hart genug.”
Kurz gesagt: Ich profitiere enorm von Ehrenflamingo Martins Laufenthusiasmus und seiner Erfahrung.

Außerdem kommt mir während meiner Marathonvorbereitung zugute, dass C. Lehrer ist. Ihn haut nichts um, und sogar Engel beneiden ihn ob seiner Geduld. Das ist sehr praktisch. Zum Beispiel, wenn ich abends nach Hause komme und direkt meine Laufklamotten anziehe, anstatt mit ihm und unserer Gasttochter zu kochen. “Nur rasch ein bisschen Fartlek in hügeligem Gelände”, sage ich und verschwinde mit Ehrenflamingo Martin auf niederrheinische Feldwege. Wenn ich dann eine Stunde später – geplättet, ausgehungert, muskelverkatert – zuhause auftauche, steht das Essen auf dem gedeckten Tisch.

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Voll gelenkig. Vielleicht hilft das ja.

Meine Erwartungen: Als ich im Juli die frohe Botschaft erhielt, eine von den “Dein erster Marathon”-Gewinnerinnen zu sein, malte ich mir mein tägliches Training aus: in fantastischen Sportklamotten schwebe ich mühelos und in vorbildlicher Lauftechnik kilometerweit über Straßen und Wege. Im Sonnenschein, versteht sich. Vögel singen. Menschen am Wegesrand klatschen Beifall. Mein perfekt frisiertes Haar flattert leicht im Wind, eine sanfte Röte umschmeichelt meine Wangen, und ein zufriedenes Lächeln ob meiner Tüchtigkeit umspielt meine Mundwinkel. Ich bin das fleischgewordene Model aller Laufmagazine, die neue Lauf-Fluencerin am Instagram-Himmel. Jaaaa! Herrlich wird das!

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Immerhin: die Stimmung in unserer Marathon-Truppe ist fantastisch.

Reality-Check: Im Dezember ist es um 18 Uhr sehr dunkel. Nach Hause geradelt, im bescheuerten Regen klatschnass geworden und fast erfroren. C. liegt auf dem Sofa und netflixt. Umziehen. Lampen und Reflektorgedöns anschnallen. Weinen. Gleich kommt Martin. 75 Minuten GA1. Es gibt kein Entrinnen. Ich platsche in Pfützen. Da vorne ist Schlamm. Im Lauf-Delirium male ich mir aus: “Wenn ich darin versinke und umknicke, dann muss C. mich abholen und die Qualen haben ein Ende.” Aber ich werde nur dreckig und schwitze. Naja, immerhin das mit den fantastischen Sportklamotten stimmt – auch wenn die im Dunkeln niemand sehen kann.

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Eiseskälte! Aber in bester Gesellschaft.

Plötzlich sind es nur noch 4 Wochen! Kreisch! Panik! Laufe ich schnell, weit, intensiv genug? Sind die Bauchmuskeln stabil? Meine Psyche gefestigt, damit ich nicht an der ersten Versorgungsstation versehentlich in einen Liegestuhl gleite? Drückt mir die Daumen.

Fazit: Ich bin eine echte Ausnahmeläuferin, denn ich mache das bestimmt nie wieder. Doch mehr dazu kann ich wohl erst nach dem 8. April berichten… See you in Rotterdam and see you soon, Bonnie!

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Lassen Sie mich durch! Ich muss 42 Kilometer laufen!

P.S. Die fantastischen Fotos hat natürlich Christian Siedler gemacht. Danke!

 

Cross. Krass.

Der Storck Store Düsseldorf hat zum Biken mit anschließendem Cyclocross-WM-gucken eingeladen. Storck-Crosser testen inklusive! Ich bin begeistert und melde mich sofort an. Außerdem “überrede” ich Ehrenflamingo Martin ebenfalls mitzukommen, und so nehmen wir am Sonntagmorgen um halb zehn unsere coolen Leihräder in Empfang.

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Ich habe mich natürlich direkt in meinen kleinen Storck Crosser verliebt.

“Crosser sind die Härtesten und deshalb wird bei jedem Wetter gefahren”, lautete die Ansage. Einerseits: Ha! Ich gehöre zu den Härtesten! Andererseits: Ich werde erfrieren! Null Grad. Bis ins Flachland ist Schnee angesagt! Ich ziehe mich so dick an wie möglich. Die Kanada-Kälte und frühe Uhrzeit interessieren jedoch niemanden. Wir sind so viele, dass ich beim heimlichen Durchzählen immer durcheinander komme. Noch ein Schluck Kaffee, Helme zurechtrücken, Garmins anwerfen – und schon rollen wir in einem riesigen Pulk Richtung Hamm.

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Grill-Suchbild. Geschickte Motivation vor der Tour.                                                             (Fotos: Martin)

Wir düsen durch einen Park, und mein erster Cross-Einsatz erfolgt dort auf einem unbefestigten Weg. Easy! Kann ich! Herrlich! Außerdem sind alle total nett. Marc vom Storck Store fragt, ob alles passt, Ich schwärme, dass der Crosser sich wunderbar fährt und verschweige meine bereits geschmiedeten Entführungspläne. Ich fühle mich wie ein alter Hase, als ich erwähne, dass ich den Sattel niedrig genug eingestellt habe, um im Gelände rasch die Füße auf den Boden setzen zu können. Marc nickt bestätigend. Ich verspiele meine Profi-Credits sofort wieder, als ich erzähle, dass ich mit Rennradschuhen- und Pedalen unterwegs bin. Eher ungünstig sei das, meint Marc vorsichtig. Ach. Ach was. Das funktioniert doch super!

Dann erreichen wir den Deich. Anstatt oben den Weg zu benutzen, stürzen sich die ersten lemminggleich den Deichabhang hinunter. Willkommen auf der aufgeweichtesten Wiese der Welt. Ich trete wie bescheuert, komme aber trotzdem kaum vorwärts. Inzwischen bin ich sehr sauer auf die Wiese und kämpfe mich schiebend auf den Weg zurück. Und los! Oha… wie ungünstig. Ich habe Einklick-Probleme, weil sich der Matsch natürlich in meinen Cleats festgesetzt hat. Rauspopeln, lächeln und weiter.

Bei einem Cross-Rennen müssen auch Tragepassagen gemeistert werden.

Er sieht aus wie ich mich fühle.                                                                 (Foto: Felt/Pressedienst Fahrrad)

Endlich erreichen wir einen Wald. Winzige Schneeflocken rieseln auf uns herab. Alles ist sehr romantisch und so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Wir cruisen über Wege und Wurzeln, weichen Sträuchern aus, umfahren Baumstämme. Dann kommt der Schlamm. Weil ich bestrebt bin, meine Füße nie wieder auf den Boden zu setzen, um keinen weiteren Matsch-Cleat-Gau mehr anzurichten, pflüge ich stumpf überall durch. Das klappt hervorragend und ich lobe mich selbst für meine fantastische Radbeherrschung. Es macht enorm Spaß!

Allerdings bin ich sehr froh, dass ich momentan recht fit bin. Warum hat mir vorher kein Mensch (nicht mal Maren!) erzählt, wie unglaublich anstrengend Cyclocross ist? In einem Feld von ungefähr 30 Männern und einer Frau (die ich alle im Verdacht habe, sich hier nur für Valkenburg warmzurollen) gebe ich alles, um sowohl geschickt als auch schnell zu wirken.

Das gelingt wohl nur mäßig. Ich werde geschoben. Geschoben! Ich! Immer wieder mal ein Stückchen. Ich schnaufe. Aber nicht aus Empörung, sondern aus Erleichterung. Denn das hier haut wirklich rein, weil ich nicht einfach mal entspannt ein paar Meter Windschatten lutschen und rollen kann. Die Miniaturflocken haben sich inzwischen in einen Schneesturm verwandelt, und wenn ich je braver than the elements war, dann heute. Nachdem wir eine steile Schlammrinne überwunden haben, fahren wir auf einem rutschigen Wurzelstocksteinedamm kilometerweit geradeaus. Mein Schiebeheld heißt Jörn, und sein Arm liegt zuverlässig auf meinem Rücken (an dieser Stelle noch einmal: Danke, lieber Jörn!).

Ah, die Vorhut hält an. Toll. Einmal durchatmen. Ich bremse, möchte ausklicken. Ausklicken. Ausklicken! Panisch greife ich nach Jörn und in das blaue Trikot des netten Radlers neben ihm – und reiße beide zu Boden. In den Schlamm. Welch Schmach. Wahrscheinlich bietet mir gleich jemand Stützräder an. “Alles ok”, versichern sie mir glaubhaft. Ich liege käfergleich im Dreck und strecke den Crosser an meinen vermatschten Pedalen in die Höhe, als mich gleich mehrere Retter wieder in die richtige Position hieven. In die Fahrposition nämlich.

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Ich bin sehr dreckig und kann noch lachen. Tour gelungen!

Nur noch eine halbe Stunde im fiesen Hagelschauergegenwind trennen uns jetzt von unserem Ziel im Hafen. Nach 60 Kilometern und 300 Höhenmetern klicke ich mich dort (unfallfrei) aus und schaffe es, mich auf dem Weg zu meiner Tasche sowohl an den Keksen, Salz- und Käsestangen zu bedienen, bevor ich zu Cola und Fruchtquetschbeutel wechsele und dann nahtlos zu den Bratwürstchen übergehe.

Fazit
Das war eine ziemlich coole Aktion, und ich will das unbedingt nochmal machen. Außerdem: Crosser sind die Härtesten!

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Erst die Crosser kärchern, danach gibt’s Bratwürstchen.

 

 

Schnurri, Schlamm und Schweinehund

Gut, mein Rennrad habe ich aus wettertechnischen Gründen vernachlässigt. Aber weder Winter noch Marathontraining können eine Entschuldigung dafür sein, mein Mountainbike in der Garage hängen zu lassen. Zumal ich auch für Schnurri einen megabreiten Specialized-Sattel bestellt habe. Und schon länger spielte ich mit dem Gedanken, endlich mal an der Mädelsrunde teilzunehmen, die die Duisburger Cycle Culture Company samstags anbietet.

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Claudia, Claudia und ich sind abenteuerlustig. Und sehr sauber.

Diesen Samstag also, beschließe ich. “Regen! Schneeschauer! Arktische Kälte! Auf keinen Fall!”, beschließt mein Schweinehund. Dann weht und wütet auch noch Orkan Friederike. “Findet die Tour überhaupt statt?”, frage ich deshalb vorsichtig nach. Holger von der Cycle Culture Company schreibt zurück, dass “unser” Waldgebiet freigegeben sei und die Mädelsrunde deshalb stattfinde. “Auch bei Regen.”

Und so treffe ich in Duisburg Claudia und Claudia, die genauso nett wie fahrtechnisch versiert sind. Holger schießt noch ein Vorher-Foto, und in weniger als zehn Minuten sind wir bereits über die Autobahnbrücke hinweg gesaust und mitten im Wald. Schon nach den ersten Metern müssen wir Bäumen ausweichen, die entwurzelt auf den Wegen liegen. Friederike hat ganze Arbeit geleistet. Stöcke, Äste, Zweige, Stämme – immer wieder müssen wir uns einen neuen Weg suchen, weil wir nicht weiterkommen.

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Der Beweis: ich bin gefahren wie die Sau.

Dass Claudia die Strecke improvisiert merke ich eh nicht, weil ich absolut keine Ahnung habe, wo ich mich befinde. Könnte auch Bayern sein: Berge, Wald, grüne Hänge. “Das ist alles Duisburg?”, wundere ich mich zwischendurch dann doch. “Nee, hier ist Mülheim”, antworten die Claudias. Oder: “Das gehört zu Essen.” Ich versuche die Aussicht zu genießen, muss mich aber viel zu sehr konzentrieren, um das ganze Grün (so viel Landschaft! Mitten im Ruhrgebiet!) adäquat anerkennen zu können.

Denn merke: Mountainbiken ist anstrengend! Zumal bei komplett aufgeweichtem Untergrund. Oder wenn die letzte Ausfahrt (auf trockenen, breiten, festgestampften Waldwegen) mehr als ein Jahr zurückliegt. Wir fahren auf den Grand Canyon zu, laubbedeckt. 90 Grad runter, drei Wurzeln, 90 Grad hoch. Die Claudias flitzen runter. Und wieder hoch. Ich wähle die Option Schieben und Schlittern. Und weiter. Durch Schlammlöcher und metertiefe, lange Pfützen, nasse Wiesen und immer wieder über friederikegewehte Hölzer.

Wir halten vor einer wurzeligen, steinigen, laubigen Schlammrinne. Oh je. Da runter? Jawohl. Da runter. Claudia fragt, ob mir die “Grundposition” etwas sagt. Ich nicke erleichtert. Mein Fahrtechnikkurs liegt zwar etwas länger zurück, aber die Grundlagen sind noch da. In selbiger Position solle ich ihr einfach folgen, auch einfach über die Wurzeln fahren. Geschwindigkeit stabilisiere. Und wenn es nicht klappt – schieben. Macht ja auch nichts. Die Claudias fahren vor. Ich verteile mein Körpergewicht, versuche, nicht zu bremsen und rolle hinterher. Ich komme an! Es hat geklappt! Yay!

Mittlerweile sehe ich mit den ganzen Schlammspritzern im Gesicht aus wie das Sams, und Schnurri und meine Klamotten tragen eine Modderschicht. Das macht einen Schweinespaß! Allerdings haben die Pfützen, die wir ständig durchtauchen, für klatschnasse Füße gesorgt. Hmm, ob wir vielleicht doch bald ankommen?

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Nass, kalt und sehr dreckig. Kurz: eine gelungene Tour.

Ich fahre tapfer weiter, verpasse vor lauter auf-den-Weg-achten zwei Rehe und überlege, wo wir wohl sein mögen. Es geht jetzt ständig leicht bergab. Ein gutes Zeichen, glaube ich. Claudia warnt mich vor fiesen Querrillen. Eine sehe ich zu spät, bin aber gerade ziemlich in Fahrt. Mein Glück. Es rummst nur kurz, ich federe ab und fahre weiter. Passt doch.

Da, die gelbe Brücke und die “Keksdosen” der Uni Duisburg. Ich kenne mich wieder aus! Der Asphalt hat uns wieder. Wie einfach man hier doch fahren kann. Wenn die Autos nicht wären. Im Hof der Cycle Culture Company wartet bereits Holger auf uns.

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Fazit: 29 Kilometer, 333 Höhenmeter und ein paar Kubikmeter Schlamm.

Er schießt ein Nachher-Foto und serviert uns Pfefferminztee. Herrlich! Wir schlürfen Heißgetränke, wärmen uns die Finger an den Tassen und merken erst jetzt, dass es tatsächlich regnet und ziemlich kalt ist. Dann rollt Holger ein paar Meter Schlauch aus und befreit unsere Mountainbikes von ihrer Schlammschicht. So sauber wie selten hieve ich Schnurri in den Kofferraum.

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Gibt es auch Helme, die nicht wie halbierte Bowlingkugeln das komplette Outfit zerstören? Frage für eine Freundin.

Holger gibt mir noch Tipps fürs nächste Mal: Reifen nicht zu prall aufpumpen; Sattel (extreme Begeisterung ob dieses Sattels, übrigens!) erstmal waagerecht ausrichten und von da weiterarbeiten. A propos “nächstes Mal” – ich freue mich schon riesig auf die nächste Mountainbiketour!