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Pack und weg

Weil ich ein bisschen Zeit übrig hatte, habe ich Quentin bepackt und bin Richtung Westerwald gecruist, um Elisa zu treffen. Ohne Zelt, aber mit ganz viel Muße (und Mühe. Am Berg).

Merke: Priorisiere beim Packen! Flamingos first!

Tag 1: Kempen – Wuppertal (79 km)
Mittwochmorgen verabschiedete ich mich also von C. und Apollo, dem Kater, und fuhr geschickt um Krefeld herum Richtung Duisburg. Das ist sehr wichtig. Die Seidenstadt deklariert sich zwar offiziell als “fahrradfreundliche Stadt in NRW”, doch das ist eine dreiste Lüge. Als ich endlich die andere Rheinseite erreiche, halte ich es für angemessen, die erste Pause einzulegen.

“Genussmoment” in Großenbaum

Überhaupt halte ich ständig an. Ein niedliches Rotkehlchen! Ein Schloss! So ein hübscher Baum! Kaffee! Eine Bank, die zum Verweilen einlädt! Alleine zu fahren entspannt mich, und ich hänge meinen Gedanken und Blicken nach, während ich durch die Lintorfer Mark, vorbei an Golfplätzen und schließlich auf Trassen radele. Und die graue Wolke, die mich bei lauen 22 Grad drohend begleitet, entscheidet sich erst für einen kellerflutenden Dauerregen, als ich bereits im Hotel eingecheckt habe und es mir bei Rotwein, Kroketten & Co. sehr sehr gemütlich mache.

Tag 2: Wuppertal – Biggesee (99 km, 1200 Hm)
Ich finde es sehr exotisch, durch Orte wie Gevelsberg (schon mal im Radio gehört!) und Hagen (die Fernuniversität!) zu fahren. Und seit Wuppertal sind hier auch überall Berge! Und jetzt auch noch die Lenne! Ich bin im Sauerland!

Das Sauerland steht Quentin gut

Aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen finde ich das extrem aufregend. Bevor es auch noch richtig anstrengend wird, entdecke ich im mir bis dato völlig unbekannten Letmathe (klingt auch so exotisch) direkt an und über der Lenne das R-Café und lege eine Einkehr allen dringend ans Herz.

Um mich herum wird es immer grüner und bergiger. Und hinter Altena erwarten mich die Segmente “Radweg des Krampfes” und “Zweifelmut bis zum Anschlag”. Sie halten, was sie versprechen.

Leider gibt das Foto die unfassbare Steigung nicht adäquat wieder

Ich muss Quentin schieben, und zwar kräftig, damit wir nicht wieder unten im Dorf landen. Immerhin kann die Landschaft gefallen, und zwar mindestens eine halbe Stunde – so lange dauert es, bis ich mich auf einer Bank einigermaßen von den Strapazen erholt habe. Ziemlich idyllisch kurbele ich weiter dahin. Am späten Nachmittag wird es immer wärmer und die Entfernung zum Ziel gefühlt immer weiter. Ich werde niemals ankommen, so viel steht fest, sondern auf sauerländischem Asphalt einen Hitzschlag erleiden.

Kurz davor erblicke ich jedoch endlich den Biggesee und damit mein Ziel. Eine Zecke, die ich mit viel Drama (die medizinisch versierte Schwägerin erträgt mein Gekreische live am Telefon) entferne, trennt mich noch davon, völlig erschöpft Kalorien nachzuladen und schließlich wohlverdient einzuschlummern.

So lässt es sich eigentlich aushalten

Tag 3: Biggesee – Siegen – Daaden (71 km)
Ich nehme ein luxuriöses Frühstück mit Seeblick ein. Gönnen, so wichtig. Derart gestärkt und bei Sonnenschein headen Quentin und ich weiter südwärts. Mehr Berge. Mehr Bigge. Mehr schön. Immer noch steil. In Siegen wartet Elisa auf mich. Das motiviert. Ich durchquere fancy Orte, deren Namen ich aus Wintersportberichten kenne (Olpe!) oder die einfach so fantastisch klingen (Oberholzklau!). Irgendwann cruise ich tatsächlich durch Siegener Vororte.

Leider ist die Stadt nur mäßig attraktiv (“Was ist schlimmer als Verlieren? – Siegen”). Aber das Obere Schloss mit den tollen Blumen überall haut’s raus. Und natürlich Elisa, die vor einem Café sitzt und winkt. Yay!

Zusammenführung erfolgreich

Nachdem wir unseren Kalorienhaushalt angemessen ausgeglichen haben, leitet Elisa uns insidermäßig Richtung Daaden. Ein paar Steigungen gäbe es, aber sehr machbar, sagt sie und zeigt hier einen Gullideckel an und schließlich mit beiden Händen gleichzeitig je rechts und links ein Schlagloch. Meine Ehrfurcht schadet meiner Performance und am ersten Hügel muss ich direkt schieben. Wir stellen fest, dass Menschen aus dem Westerwald und vom Niederrhein recht unterschiedliche Auffassungen der Begriffe “Berge” und “steil” haben. Was uns jedoch eint, ist der Spaß am Radeln plus die Freude, uns nach unserem ersten Treffen vor drei Jahren wiederzusehen.

In ihrem wunderschönen und fahrradverrückten Haus versorgen mich Elisa und Markus mit massig Pizza, Getränken und Schluch*.

Während der Fahrt fotografieren kann sie natürlich auch noch

Tag 4: Daaden – Köln (118 km)
Mein ursprünglicher Plan sah vor, in Daaden die Bahn Richtung Heimat zu nehmen. Elisa schlägt vor, zehn Kilometer in den nächsten Ort zu radeln, das erspare einmal umsteigen. Klar, gute Idee. “Oder direkt nach Köln radeln. Das sind nur knapp 120 Kilometer.” Noch besser!

Die Sieg an unserer Seite wird unser Begleiter, mal auf der Landschstraße (dann geben wir Gas), mal auf hübschen Radwegen direkt am Ufer (dann weisen wir uns entzückt auf hübsche Landmarken hin). Nach viel Sieg und vielen hohen Bergen (meine Meinung) habe ich wieder Heimat vor Augen (auch wenn Köln natürlich nicht zählt): den Rhein.

Zieleinlauf in die verbotene Stadt

Zum Abschluss genießen wir köstliche Smoothies mit tollen Namen, bevor wir in Regionalzüge in unterschiedliche Richtungen einsteigen. Elisa verspricht, mich bald am Niederrhein zu besuchen. Dort wartet indes C. mit eisgekühlten Drinks und Grillgut auf mich. Der perfekte Ausklang für vier herrliche Tage!

*wer weiß, was “Schluch” ist, erhält von mir eine wunderschöne Fahrradpostkarte. Adresse nicht vergessen!

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Ich bin Annette (43) und radel gern mit Ranger, Bonnie, Quentin und Schnurri durch die Gegend. Ansonsten arbeite ich als Journalistin und Autorin und trinke gerne Kaffee. Am liebsten in netter Gesellschaft. Seit drei Jahren habe ich ein ernstzunehmendes Radsportproblem.

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