Unterwegs
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Die Pässe bitte!

Endlich Urlaub mit C. und Bonnie in den Bergen! Die Häuser in meiner Lieblingszweitenheimat bringen mich zum Weinen. Heller Stein, urgemütliche Holzbalkons mit – falls die Geranienpracht es zulässt – Blick auf den Wendelstein.

…meine Welt sind die Bee-heer-geee…

Leider habe ich keine Zeit, mich Schöner-Wohnen-Träumereien hinzugeben, denn ich rase mit C. und C2 (dem sportverrückten Schwager) Richtung Nußdorf am Inn. Denn erst dort geht es bergauf. Und nur das zählt.

Einrollen in Oberbayern (790 Meter)
Hier ist es so wunderwunderschön und ich pedaliere so munter bergauf, dass ich trumpartige Allmachtsgefühle hege: Sehr sehr viele Leute fahren diesen Berg hoch. Diese Leute machen einen guten Job. Einen fantastischen Job. Viele Leute meinen, ich würde diesen Berg nicht schaffen. Sehr sehr unfair. Fake news. Ich kann Fahrrad fahren. Ich fahre jetzt hier hoch. Ich mache das exzellent. Das kann jeder sehen. Ich bin ein stabiles Genie!

Die kleine Radflaminga möchte aus dem Bergeparadies abgeholt und ins Basecamp gebracht werden – vorzugsweise unter NN.

Stabil bleibe ich immerhin bis Törwang. Ich phantasiere von Sauerstoffzelten, Yetis und den Unterschenkeln von Peter Sagan. Was ich als Niederrheinerin eben so gemeinhin mit “Bergen” assoziiere. Unmittelbar bevor ich die C.s anflehe, mir bitte bitte eine Sauerstoffflasche zu organisieren, fällt mir ein, dass Bora Hansgrohe-Radprofi Marcus Burghard ja hier wohnt! Vielleicht sogar direkt hinter diesem Geranienbalkon!

Was wenn er mich sieht? Das wäre natürlich oberpeinlich. C. und C2 nicken bestätigend und sagen, dass ich mich in der Tat ein bisschen schämen sollte, warum nicht gleich auf’s E-Bike und ein Wunder, dass ich nicht rückwarts hinunterrolle. Gott sei Dank legen wir eine Pause ein und ich kann mich unauffällig regenerieren. Durchschnaufen. Es hilft. Berge are great again! Denn es geht bergab und dem Schnitzel entgegen.
Höhentraingslager Teil 1 – check!

Würzjoch (1987 Meter)
Fortsetzung des Höhentrainingslagers in Südtirol. C. und ich diskutieren, ob wir an der Höhenkrankheit leiden. Pro: Unsere Unterkunft befindet sich auf 1300 Metern und wir haben ein bisschen Kopfschmerzen. Contra: Unser Weinkonsum ist in den vergangenen Tagen signifikant gestiegen.

…duuunkle Tannen…

Wir wollen nur eine kurze Runde drehen, durch Orte, die Piccolina, Zwischenwasser, Rina und St. Martin in Thurn heißen. Es ist sehr heiß. Es ist sehr steil. Am Ende der steilsten Kehre ever steht ein Stall. Weil ich nicht mehr kann, fahre ich direkt darauf zu und kippe vor einer Kuh um. Irgendwann erreichen wir ein Schild. “Schau mal, nur 8 Kilometer bis zum Würzjoch! Lass uns einen Abstecher machen!”

Hier ahne ich noch nichts von C.s Pass-Plänen.

C. ist begeistert und biegt bereits auf die Passstraße ein. Mir bleibt also keine Wahl. Kurz vor einer kleinen Brücke wartet C. auf mich. Weil ich nicht mehr kann und mich außerdem dramatisch in Szene setzen möchte, werfe ich mich mit Bonnie auf den Boden und strecke die Beine in den Himmel.

Steilanstrengendunmöglichumkehrenjetzt. C. bespritzt mich mit Wasser aus der Trinkflasche und schiebt mir einen Riegel in den Mund. Das bedeutet wohl, dass ich weiterfahren soll. Das heißt Anfahren am Berg. Unschön. Bonnie schräg zur Straße stellen und panisch versuchen, einzuklicken. Funktioniert. Meine Motivation ziehe ich abwechselnd aus der kitschig-herrlichen Berglandschaft um mich herum und der Vorstellung, was meine Freunde wohl sagen werden, wenn ich ihnen von meinen Rennrad-Heldinnentaten berichte (Edit: Was Freunde hinterher tatsächlich sagen: “Warum machst du das?”).

Das ist ja die Höhe!

Ich schraube mich immer weiter nach oben und bemerke schließlich, dass sich überhalb von mir nichts mehr befindet. Tatsächlich sehe ich hinter der nächsten Kehre eine Hütte! Sprich: alles, wovon ich jetzt träume (Cola, Schlutzkrapfen) liegen in sehr erreichbarer Nähe. Das spornt mich dazu an, trotz beachtlicher Steigung sehr schnell zu strampeln und jubelnd am Würzjoch-Schild auf den schnaufenden C. zu warten. Wir verleiben uns die von mir erträumten Köstlichkeiten ein und genießen dabei den unwirklichen Blick auf das Bergpanorama.
Fortschritte im Höhentrainingslager erzielen – check!

Passo di Giau (2236 Meter)
C. und ich schämen uns ein bisschen. Um den Passo die Giau hochradeln zu können, fahren wir nämlich zuvörderst über ein paar andere Pässe (Valparola und Falzarego) nach Pocol – aber mit dem Auto. Wir wollen nämlich da in Ruhe vor uns hinpendeln und ächzen, wo sich möglichst wenig Verkehr auf die Gipfel wälzt. Und tatsächlich, auf der Seitenstraße Richtung Giau unterbrechen allein unser Keuchen und die Kettengeräusche das alpine Schweigen.

…grüüüüne Wiesen im Sonnenschein…

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich gut in Form bin. Ob es das kühlere Wetter ist? Das Höhentraining? Schließlich wohnen wir derzeit nicht nur recht hoch, sondern wir haben uns gestern auch auf 2500 Meter gondeln lassen. Wenn ich die Mount-Everest-Abenteuerromane richtig in Erinnerung habe, ist das Prinzip schonmal richtig: Hoch und wieder runter, hoch und wieder runter. Jedenfalls erreiche ich (rückblickend zumindest) in erstaunlich kurzer Zeit, mühelos und mit Kraft für einen Gipfelspurt denselbigen.

Ich sonne mich noch im Lob des mir entgegenkommenden Radlers – “Bravo!” Kann aber auch sein, dass er die Landschaft meinte.

Auch wenn ich versuche, sehr professionell und lässig zu erscheinen, kann ich am Pass-Schild einen Jubelschrei nicht unterdrücken. C. holt uns etwas zu trinken und er schenkt mir einen coolen Aufnäher, auf dem “Passo di Giau 2236 m” steht. Wir feiern mit Cappucino und bedenken Menschen, die mit einem Bus hergekarrt wurden, mit mitleidigen Blicken. Bergab testet C. seine Kamera-Skills und filmt, wie ich an bimmelnden Kühen vorbei ins Tal sause.
Höhentrainingslager Bosslevel – check!

Staller Sattel (2048 Meter)
Wir wollen den Autos entgehen. Also fahren wir mit dem Auto über den (wunderwunderschönen) Furkelpass nach Antholz, um den Staller Sattel auf der italienisch-österreichischen Grenze in Angriff zu nehmen.

Timing ist am Staller Sattel alles.

Wir parken an einem Sporthotel, in dem bereits viele berühmte Biathleten zu Gast waren. C., den ich in Verdacht habe, heimlich von einer Karriere als Leistungssportler im deutschen Biathlonkader zu träumen, ist beeindruckt. Natürlich besuchen wir auch noch das Stadion für die schießenden Skifahrer gleich daneben. Dann kommen wir in einen Stau. Mit den Rädern.

Weil der Weg hinauf superschmal ist, wird die Passstraße nur jeweils 15 Minuten pro Stunde geöffnet. Unten warten dann alle, die hochwollen. Das Hinaufradeln wird erst gemütlich, wenn die motorisierte Kolonne vorbeigedonnert ist. Die Straße ist im Top-Zustand, windet sich durch Tannenwald und lässt kaum Zeit zum Ausruhen. Wir pedalieren konzentriert und ohne Pause – auch das dauert weniger lange als erwartet.

Bergfazit: die Aussicht ist immer fantastisch!

Am funkelblauen See auf dem kleinen Plateau schlemmen wir Flädlesuppe und ich überlege, ob ich eventuell colasüchtig geworden bin. Bevor wir hinter der röhrenden Autoschlange wieder ins italienische Tal düsen, radeln wir zwecks weiteren fantastischen Bergaussichten noch zur anderen Seite der Hochebene.
Höhentrainingslager erfolgreich abgeschlossen!

P.S. Für die Nerds
Bei den Höhenangaben handelt es sich nicht um die tatsächlich gefahrenen Höhenmeter, sondern um den bei der Tour jeweils höchsten erreichten Punkt.

…brauch ich zum glücklich sein!

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Ich bin Annette (42) und radel gern mit Ranger, Bonnie und Schnurri durch die Gegend. Ansonsten arbeite ich als Journalistin und Autorin und trinke gerne Kaffee. Am liebsten in netter Gesellschaft. Seit zwei Jahren habe ich ein ernstzunehmendes Radsportproblem.

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  1. Tiersichtungen: Schwarzmilan, Hausrotschwanz, Baumpieper, Mehlschwalben, Mäusebussard, Wespenbussard und – aber unbestätigt – mehrere Adler, sowie eine riesige Spinne. Aber zu Annettes Glück erst nachdem wir das Bett auf dem Balkon abgebaut haben. Es grüßt C.

  2. Pingback: “…if I should ever recover…” – radflamingos

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