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Hätte hätte… Dixitoilette

Samstag
Heute hat C. mich, unsere Gasttochter Jocelyn und meinen Glücksbringer-Plüschflamingo Klaas nach Rotterdam kutschiert. Wir treffen alle Teilnehmer vom Projekt Dein erster Marathon und holen unsere Startnummern ab. Wir diskutieren unseren Trainingsstand (mehr geht nicht), Zielzeiten (4:30) und Nervositätslevel (tiefenentspannt) und freuen uns.

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Der erste Schritt zum erfolgreichen Marathon: Wir sind im Besitz der Startnummern.

Dann folgt die erste Herausforderung: Ich muss mich am Pasta-Buffet beherrschen. Sonst ist morgen rollen angesagt. Auf ein Glas Rotwein verzichte ich sicherheitshalber auch. Von wegen “Pasta-Party”. Aber das hole ich nach, wenn ich eine Finisherin bin. Dafür folge ich den Anweisungen erfahrener Marathonis und schütte sehr viel Wasser in mich hinein: “Morgen wird es heiß und anstrengend. Nur ein hydrierter Körper kann volle Leistung erbringen.” Ich tanke mich leider derart auf Leistung, dass ich kaum schlafe und ständig zum Klo rennen muss.

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Viel zu laufen ich noch habe.

Sonntag. Raceday
Ich denke, ich werde demnächst einen Marathonratgeber schreiben. Meine Vorbildfunktion lässt mir keine Wahl! Gestern Wasser statt Rotwein, und heute starte ich den großen Tag mit einer Runde Yoga! Außerdem verhalte ich mich am üppigen Frühstücksbuffet äußerst diszipliniert. Dafür sollten hinterher Minuten gutgeschrieben werden.

Kilometer 0
Ich bin gerüstet und immer noch tiefenentspannt. Ehrenflamingo Martin (der heute den langsamsten Marathon seines Lebens laufen wird) steht neben mir. Ich habe meinen durchgeplanten Energiegelvorrat in meiner Energiegelvorratsgürteltasche verpackt und den Rest mit Magneten am T-Shirt befestigt.

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Ein bisschen Radsport muss sein.                                                                                                       (Foto: C.)

An den Dixieklos ist mächtig was los. Ha. Das habe ich erfolgreich gelöst. Zwei Stunden vor dem Start nichts getrunken und soeben noch die Vorteile der Hoteltoilette genutzt. Jetzt kritzele ich meinen Lieblings-Motivationsspruch auf den Arm. Spätestens ab Kilometer 30 werde ich mir den mal anschauen müssen. So. Bereit. Es kann losgehen.

Kilometer 1
Und es geht los. Die Kulisse auf der Erasmusbrug ist der Wahnsinn! Tausende Läufer, Zuschauer, Hubschrauber kreisen, Wasserfontänen spritzen. Und da steht C. und winkt!

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Nicht im Bild: Ich, wie ich mit offenem Mund staune.

Kilometer 3
Ich glaube, ich muss mal.

Kilometer 4
Die Lage ist ernst. Gibt es auf der Strecke denn gar keine mobile Toiletten?

Kilometer 5
Da sind Dixiklos! Ich kann nicht anders. Ich reihe mich in die meterlange Warteschlange ein. Nach einer zweistelligen Minutenzahl entfleuche ich der blauen Plastikhölle. Ihr 42 Kilometer, ich bin sowas von ready für Euch, kommt doch! Und sie kommen. Mit Lichthupe. Es ist der Besenwagen.

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C. hat meine fantastische Laune auf Kilometer 0,8 eingefangen.

Kilometer 6 bis 17
Das hatte ich mir ein klein wenig anders vorgestellt. Martin verzieht keine Miene. Wir rollen den Marathon in unserem niederrheinischen-Feldwege-Lauftempo von hinten auf: Die Allerletzten, die Letzten, der 5:00-Pacemaker, immer weiter. Nicht zu schnell am Anfang – lautet so nicht der ultimative Marathontipp? Ehrenflamingo Martin fragt nach meinem Puls (166) und beruhigt mich. “Bis 170 ist alles im grünen Bereich.” Also weiter.

Kilometer 18
Das niederländische Staatsfernsehen filmt, wie meine Mutter und Jocelyn meinen Namen kreischen, ich zurücklaufe und wir uns in die Arme fallen, küssen, herzen und rasch ein paar Selfies schießen. Ich habe meine Mutter im Verdacht, dass sie am liebsten nebenher radeln würde, um meine Nahrungsaufnahme zu überwachen (“Kind, bitte, nimm noch ein Butterbrot!”). Bei Kilometer 20 würde sie das Fahrrad quer vor mich stellen und resolut sagen: “Das reicht jetzt aber! Die Hitze!”

Kilometer 19 bis 24
Die Hitze macht mir nicht so arg zu schaffen, wie ich befürchtet habe. Dabei habe ich den letzten langen Lauf bei -5 Grad und Schneetreiben absolviert. Allerdings bin ich voll gewappnet: Mütze, Sonnenbrille, UV 50, Israel-abgehärtet, hervorragend hydriert, und ich nehme jeden Schwamm, Schlauch und Verpflegungsstand mit.

Kilometer 25 bis 29
Das ging jetzt aber irgendwie schnell. Ich wundere mich ein bisschen, dass alles soweit in Ordnung ist. Magen, Waden, Knie, Kopf – check. Ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich die Stationen mit den Wasserbechern sehe, also alle fünf Kilometer. Gehen, trinken, ein Gel schlürfen, Wasser über den Kopf gießen, langsam weitertraben. Ich gucke nicht auf die Pace oder die Zeit, sondern nur ab und zu auf meinen Puls. Grüner Bereich. Weiter.

Kilometer 30 bis 32
Bin ich schonmal gelaufen. Kann ich.

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I guess we’re not in Kempen anymore.

Kilometer 33
Warum eigentlich weiter? Ach ja. Ich habe monatelang dafür trainiert. Sehr diszipliniert sogar. Doch ich habe nicht den kompletten Winter auf matschigen Feldwegen anstatt auf der Couch verbracht, um jetzt aufzuhören!  Außerdem tut nix weh. Es ist nur einfach sehr – anstrengend.

Kilometer 34
Ja, die Beine sind schwer. Aber das ist wirklich alles. Reiß dich z’amm, zefix! Woanders müssen Sportler gerade übers Pavé brettern und du jammerst.

Kilometer 35
Duuuurst! Aber wenn ich zuviel auf einmal trinke, gluggert es im Magen.

Kilometer 36
Ich lese, was auf meinem Arm steht. Fremde Menschen feuern mich an “Hup Annette! Dat ziet mooi uit! Goed gedaan!” Konfettiraketen, Gartenpartys, Musikbands, coole Schilder (“Chuck Norris never ran a marathon!”) und Jubelschreie tragen mich weiter.

Kilometer 37
Jemand reicht mir ein Orangenviertel! Oh mein Gott! Es ist die leckerste Zitrusfrucht, die ich je gegessen habe!

Kilometer 38
Da sind meine Eltern, Jocelyn und C.! Wir feiern! Leider kann ich nicht viel sagen, weil eine halbe Apfelsine in meinem Mund steckt.

Kilometer 39
Meine Beine. Herr im Himmel. Meine Füße sind ziemlich lädiert, aber ich glaube, das tut erst später weh. Moment. 39 Kilometer sind ja fast 40 Kilometer! Also quasi schon 42. Theoretisch bin ich bereits im Ziel!

Kilometer 40
Theoretisch. Praktisch klebe ich auf dem Asphalt. Hebe ich meine Beine eigentlich noch?

Kilometer 41
Noch 1195 Meter. Ein Klacks. Renne ich beim Intervalltraining im 4er-Pace. Warum geht es hier so lange geradeaus? Das Ziel müsste längst in Sicht sein! Die haben sich doch vermessen!

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500 Meter vor dem Ziel und die Erkenntnis: Ich schaffe es tatsächlich!

Eine Rechtskurve. Ziel in Sicht. In Sicht! Ja Wahnsinn. Menschenmassen säumen den Straßenrand und jubeln wie bescheuert! Da steht schon wieder meine Familie! C. drückt mir Klaas, den Glücksbringer-Flamingo in die Hand, und ich fliege fast.

Marathon
4:51:13. Ich habe es geschafft! Noch etwas ungläubig falle ich Ehrenflamingo Martin um den Hals. Es ist vorbei. Ich darf wieder gehen. Wenn ich denn nur könnte. Eine unfassbar große Goldmedaille, eine Rose und soviel Getränke wie ich will, lenken mich kurzzeitig von meinen Schmerzen ab.

Meine Garminuhr, die nur die reine Bewegungszeit erfasst, bescheinigt mir sogar eine Zeit von 4:38. Aber das ist mir egal. Der Rotterdam Marathon 2018 und der Weg dorthin waren ein unglaublich tolles Erlebnis! Vielen Dank an das Bunert Team, New Balance und unser #DeinersterMarathon-Team. Und ganz besonders an Ehrenflamingo Martin und C.! Und nicht zu vergessen Christian Siedler, von dem die fantastischen Fotos sind (falls nicht anders gekennzeichnet). Danke!

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Das trägt man jetzt so.                                                                                                                          (Foto: C.)

Fazit
Vorteile eines Marathons: Riesige Goldmedaille. Ruhm für immer. Nachteile eines Marathons: Man kann Paris-Roubaix nicht live gucken und verpasst die RTF Grefrath. Große Schmerzen während des Laufs. Die Frage nach dem Warum. Große Schmerzen nach dem Lauf. Ergo: Nie wieder!

 

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Ich bin Annette (42) und radel gern mit Ranger, Bonnie und Schnurri durch die Gegend. Ansonsten arbeite ich als Journalistin und Autorin und trinke gerne Kaffee. Am liebsten in netter Gesellschaft. Seit zwei Jahren habe ich ein ernstzunehmendes Radsportproblem.

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