Unterwegs
Leave a comment

“Schneller, schneller, wie ein Propeller!”

Mittwoch auf Facebook:
Maren von Ich hasse laufen nimmt an der Veranstaltung “Radrennen rund um Bockum” teil.
Den Radflamingos gefällt das.
Nachricht an Maren: “Mensch, klasse. Wer kommt alles mit?”
Nachricht an die Radflamingos: “Du!”
Natürlich. Was frage ich auch so blöd.

img_4951

Ein Kriterium fahren?! Klar, super Idee. Nicht, dass uns noch langweilig wird.

Donnerstag auf Facebook:
Die Radflamingos nehmen an der Veranstaltung “Radrennen rund um Bockum” teil.
Ichhasselaufen.de gefällt das.
Nachricht an Maren: “Also ich wär der Marcel und du wärst der John.”
Nachricht an Maren: “P.S. Hilfe!”
Nachricht an die Radflamingos: “Nico sagt, wir müssen einfach gut in die Kurven kommen und dann hart antreten. Und wir sollen uns darauf einstellen, dass es anstrengend wird.”
Na dann. Klingt ja total einfach. 

img_4940

Ich habe mich vorsichtshalber ganz hinten angestellt. Am Rand.

Freitag im real life, Krefeld-Bockum:
34 Fahrer und drei Fahrerinnen. Ich fühle mich jetzt schon langsam. Alle sehen sehr professionell aus. Sogar die Zuschauer. An der 900 Meter langen Strecke in einem Wohngebiet haben die Anwohner Bierbänke, Tische, Gartenstühle, Grills und Fähnchen in ihre Vorgärten geschafft. Tour-de-France-Stimmung!

img_4939

Noch wenige Sekunden bis zum Start

Ich mache mir extrem viele Sorgen (sie haben alle etwas mit Asphalt zu tun) und lächele betont tapfer. Es hilft ein bisschen, dass der Ansager wenige Sekunden vor dem Start verkündet, dass Marcel Kittel soeben seinen dritten Etappensieg eingefahren hat. 40 Runden muss ich fahren. 38 Kilometer. Ich denke, dass ich schon sehr oft mehr als 38 Kilometer gefahren bin, außerdem denke ich, dass ich von den Regeln dieses Rennens gar keine Ahnung habe, und dann höre ich nur “…3, 2, 1 …los!”

img_4946

Ein sehr schmeichelhaftes Foto, denn zufälligerweise befinden sich gerade zwei Fahrer hinter mir

Auf keinen Fall möchte ich mir bereits auf den ersten paar Metern die Blöße geben, einsam hinten als Letzte zu fahren und schicke mich deshalb an, das Tempo der Gruppe mitzuhalten. Diesen Plan halte ich eine Runde durch. Ich muss einsehen, dass es keine gute Idee ist, mit 37 km/h durchballern zu wollen. Noch 39 Runden. Stirbt man eigentlich wenn man einen monsterhohen Puls hat? Maren ist meinem vernebelten Sichtfeld bereits entschwunden.

img_4942

Ob Maren heimlich geübt hat?

Ich bin mehrere Runden damit beschäftigt, langsamer zu fahren und trotzdem in den Kurven hart anzutreten. Gott sei Dank finde ich zwei Fahrer, denen es ebenso geht wie mir, und wir spenden uns abwechselnd Windschatten. Wir sind ganz hinten. Die Letzten. Es fällt eventuell nicht ganz so auf, weil es ja ein Rundkurs ist. Und: die Zuschauer jubeln uns zu, als wären wir Tony Martin in der Zielgeraden beim Einzelzeitfahren.

img_4948

Das Auto im Hintergrund bedeutet: Überrundung

Nach vier Kilometern falle ich vor Schreck fast von Bonnie: “Huuuup!” Das Führungsfahrzeug kommt herangesaust und bereitet den schnellsten Fahrern Platz. Die erste Überrundung. Egal. Ich habe mich eingegroovt, habe schon eine Lieblingskurve und  fahre außerdem nicht allein. An einer Ecke steht ein kleiner Junge, der mir jedes Mal begeistert zuruft “Schneller, schneller, wie ein Propeller!” Weil dann eine schöne, lange Gerade folgt, nehme ich mir seinen Vorschlag immer zu Herzen.

img_4943

Es hat mich ein bisschen beruhigt, dass alle anderen auch ziemlich gequält geguckt haben.

Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Rücksichtslos. Tatsächlich ist es einfach nur schnelles Gruppenfahren (wenn man es denn schafft, an einer Gruppe dranzubleiben), und alle haben gute Laune. Die Düsseldorfer, die ebenfalls mitfahren, feuern mich sogar ab und zu an. Also jedes Mal, wenn sie mich überholen. Aber es ist in der Tat anstrengend. Meine Zunge schleift am Boden. Ich ignoriere die enttäuschend niedrige Kilometeranzahl auf dem Garmin und überlege, wie peinlich es wäre, eine kleine Pause am Getränkestand einzulegen.

img_4941

Ich wie ich Körner lasse

Zu peinlich, entscheide ich und trete weiter. Jede Runde, immer gleich: Windschatten auf der Geraden. Kurve. Hart treten. Wieder in den Windschatten. Schlaglöchern ausweichen. Vorsausen, auch mal ein bisschen spenden. Den Wind verfluchen. Quäl dich du Sau. Oh Gott, der Grill stinkt. Das war Maren. Wie kann die so schnell sein? Krass. Komisch, dass es trotzdem Spaß macht. Das ist kein Hallensport. Dranbleiben. Bleib dran.

img_4947

Frederick hat nicht nur coole Socken, sondern fährt auch ziemlich schnell.

Ich bleibe dran. Ich habe gute Laune. Allerdings bin ich so geschafft, dass ich eine Gänsehaut habe. “Letzte Runde”, sagt der Ansager, als ich mit “meinen” Fahrern den Startbereich durchquere. Wie? Warum? Ich habe doch erst 25 Kilometer. Sollte meinem Leiden etwa durch mir unbekanntes Regelwerk frühzeitig ein Ende gesetzt werden? Halleluja! Vorsichtig frage ich nach. Ich verstehe nur, dass dies tatsächlich unsere letzte Runde ist. Na aber dann! Rasch ins Ziel sprinten!

img_4945

Ich bin am Ende

Ich gebe Gas, die beiden überholen mich doch noch (knapp) und wir lassen uns noch ein Ründchen ausrollen. Ich winke den Zuschauern zu und Naomi, die plötzlich am Rand steht (“Du sollst fahren, nicht winken!”), steige schließlich ab und schiebe auf dem Gehweg zurück, während der flinke Rest weiter kämpft.

img_4950

Zieh, zieh – und gewonnen! Mit einem Durchschnitt von knapp 42 km/h (ähem, das sind zehn Stundenkilometer mehr als bei mir. Ächz!)

Irgendwo treffe ich Maren, wir tanken Cola und freuen uns, weil das Rennen so cool war. Außerdem ist sie Erste geworden und ich Zweite. Also bei den Frauen, genau genommen. Bei den Männern gewinnt Ralf Wörmer vom Team FC Deutsch Post. Glückwunsch! Aber Frauenwertung ist Frauenwertung, finden wir und richten uns darauf ein, gleich auf die Stockerl-Plätze zu treten.

img_4949

Schnell fahren lohnt sich. Die Pokale glitzerten verheißungsvoll

Doch daraus wird nichts. Frauen sind bei Rund um Bockum absolut gleichberechtigt, erfahren wir. Wie bei “anderen Sportveranstaltungen auch”. Wir müssen wohl schneller fahren. Oder vielleicht müssen mehr Frauen antreten?

Das Podest war in Sichtweite

Das Podest war in Sichtweite, immerhin

Egal. Hauptsache Spaß. Ich weiß auch schon, wie ich beim nächsten Rennen schneller werden kann. Ehrenflamingo Martin hat da einen Tipp für mich (und wird mir wahrscheinlich mehr bei der Umsetzung helfen als mir lieb ist): “Mehr Training.”

P.S. Tiersichtungen (!)
– ein hübscher, bunter Hahn, der absichtlich langsam vor mir über die Straße stolziert

PPS. Die Fotos
Die sind natürlich der Hammer. Richtig genial. Und deshalb sind sie auch nicht von mir, sondern von Christian Siedler, der Sportfotograf ist. Besucht unbedingt seine Seite!  Danke, dass ich die Fotos hier benutzen darf.

Filed under: Unterwegs

by

Ich bin Annette (41) und radel gern mit Ranger, Nessi und Schnurri durch die Gegend. Ansonsten arbeite ich als Journalistin und Autorin und trinke gerne Kaffee. Am liebsten in netter Gesellschaft. Seit einem Jahr bin ich Rennradbesitzerin und süchtig.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

50 − 46 =