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Ich will Spaß, ich geb Gas

Ich bin heute gefahren wie die Sau. Dafür habe ich eine fantastische Entschuldigung: Ich musste fahren wie die Sau. Sonst hätte ich mich schwerverletzt. Mindestens. Beim Bahnradfahren, das Elisa und Markus am Sonntag in Kaarst-Büttgen organisiert haben, gelten nämlich besondere Regeln.

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Die zu befahrende Holzbahn befindet sich ungefähr im rechten Winkel zum Boden. Ich überspiele meine Angst mit einem irren Lachen.

Und die Regeln lauten: Treten treten treten! Need for speed qua Gesetz. Ha! Außerdem: Rechts überholen! Und in den Kurven noch mehr Gas geben. Ach ja – Bremsen gibt’s nicht, geht nicht, macht man nicht.

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Der Beweis: Mein hübsches Leihbahnrad hat keine Bremse. Ich wiederhole: keine Bremse.

“Was, wenn ich anhalten möchte, um Kuchen zu essen?”, frage ich Elisa. Ich lerne, dass ich diesem Bedürfnis keinesfalls spontan nachgeben kann. Es bedarf mindestens einer Runde Planung. Im Flachen ausrollen lassen. Wenn ich Glück habe, kippe ich genau vor dem Tisch mit dem Marmorkuchen um.

Aber dafür muss ich ja erstmal fahren. Ein Bahnrad muss her. Der Master of Bahnrad-Verleih mustert prüfend meinen Schritt und zieht dann zufrieden nickend ein blaues Faggin aus seiner beeindruckenden Sammlung.

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Er stellt den Sattel ein und schraubt meine mitgebrachten Pedalen an. Fertig. Ich schiebe das Faggin in die Halle. Einige flitzen schon über das Oval, ein paar andere warten in der Mitte auf die Einweisung (und hoffentlich aufmunternden Worte) von Elisa und Markus. Ich bin extrem eingeschüchtert.

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Je schneller desto schief. Und diese Jungs waren schnell.

Die Eiger-Nordwand ist nichts dagegen. Und die besteigt man keinesfalls ungesichert. Das einzige, was mir hier sicher erscheint: mein Schlüsselbeinbruch in zirka zwanzig Minuten. Elisa beruhigt mich: “Meist kriegt man nur Verbrennungen an der Schulter oder am Ellbogen ab.”  Gott! Sei! Dank! Ich mache mir insgeheim Vorwürfe, weil ich meine Inliner-Schutzausrüstung nicht mitgenommen habe.

Dann überwinde ich mich. Einklicken, Leerlauf und den anderen Fuß Mist. Treten! Tretend und eiernd klicke ich mich ein und trete weiter. Vorsichtig. Als wäre ich noch nie Fahrrad gefahren. Noch ist alles wie immer. Kein Wunder. Ich fahre wahrscheinlich 15 km/h und äußerst links. Genaugenommen fahre ich im grünen Bereich. Das folgende Foto verdeutlicht, wo sich der harmlose grüne und der restlich-gefährliche Bereich befinden.

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Nicht im Bild: Ich. (Zu weit weg, da zu langsam).

Ich fahre eine zweite Runde. Vielleicht mal auf das blaue Holz wagen? Das ist ja auch noch waagerecht. Theoretisch. Ich fahre auf blau. Mittlerweile schon bestimmt so 20 km/h. Wenn mich jemand überholt, erleide ich eine Panikattacke. Ständig also. Schließlich fahren die nicht neben, sondern buchstäblich über mir und könnten herunterfallen. Oder Herunterrutschen.

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Mutig! Ich fahre auf Blau.

Nichts dergleichen passiert. Stattdessen werde ich schneller. Ich traue mich fast auf die weiße Linie und – unfassbar – greife sogar um. Unterlenker. Oha. Automatisch schneller. Aber weil nichts passiert (Schlüsselbeinbruch, Klickpedalen-Hänger, Auffahrunfall, Brandwunden) macht es immer mehr Spaß.

Ich erliege dem Rausch der Geschwindigkeit (verschämter Verweis auf die Relativitätstheorie) und heize, bolze, pedaliere. Ich lebe mein Rowdytum mittlerweile ungeniert zwischen der roten und weißen Linie aus. Dann ist es soweit. Das musste ja passieren. Das wird sehr wehtun. Vor mir ist jemand! Warum fährt der langsamer als ich? Da ist irgendwas faul. “Rechts überholen und in der Kurve Gas geben. Keine hektischen Lenkbewegungen. Ab 30 km/h seid Ihr sicher”. Das hat Elisa gesagt. Weil ich enorme Angst habe, der Person vor mir hintenrein zu crashen und für den Rest meines Lebens Schadensersatzzahlungen (Schmerzensgeld, Rollstuhl, Reha) zahlen zu müssen, peitscht mich das Adrenalin zu neuen Höchstleistungen an.

Ich überhole rechts. Und befinde mich zudem rechts von der roten Linie. Ich trete wie bescheuert, schließlich ist es physikalisch bewiesen, dass man sich in so einem Winkel nicht halten kann. Ich widerlege die Physik. Ich presche weiter. Geil.

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Bedauerlicherweise ein völlig unspektakuläres Foto. Doch ich versichere, dass alles jenseits von Rot schnell und geil ist.

Jetzt will ich es wissen. Als zwei Jungs vorbeiziehen, trete ich, bis ich dran bin. Wooohooo. Ich fühle mich ein bisschen wie auf Eurosport, wenn die im Pulk unglaublich schnell ihre Runden drehen. 39 km/h sagt der Tacho. Und plötzlich sind die Kurven gar nicht mehr so steil. Ich rase jenseits der blauen Linie (!), mindestens im rechten Winkel zum Boden, kopfüber wie eine Fledermaus durch die Steilkurve. “Geiler Scheiß”, um es mal mit den Worten einer Mitfahrerin auszudrücken.

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Sieht vielleicht nicht sehr schräg aus. Ist es aber.

Aber auch ganz schön anstrengend. Geschwindigkeit verringernd orientiere ich mich wieder nach unten, trete langsamer und klicke dann vor dem Tisch mit selbstgebackenem Kuchen aus. Abbremsen mit den Cleats, anderen Fuß auskoppeln – ich stoppe unverletzt.

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Elisas super Rennradschuhe sind ein Speicherfund. Ich beneide Elisa glühend.

Ich japse auf der Bank vor mich hin, betreibe Kuchen-Carbo-Loading und hoffe, dass Elisa und Markus bald wieder einen Bahnrad-Termin ansetzen. Ich will nochmal!

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Ich bin Annette (41) und radel gern mit Ranger, Bonnie und Schnurri durch die Gegend. Ansonsten arbeite ich als Journalistin und Autorin und trinke gerne Kaffee. Am liebsten in netter Gesellschaft. Seit zwei Jahren habe ich ein ernstzunehmendes Radsportproblem.

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