Unterwegs
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Hoch hinaus (Teil 2)

C. und ich waren im Urlaub. Bayern, Südtirol, Österreich. Mit den Rennrädern – und ohne zu wissen, wo wir abends schlafen würden. Abenteuer pur!

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Tag 5
Wir fahren nur bergab. Vorbei an dem See, in dem gerade ein Kirchturm untergeht. Ich atme reinstes Reizklima, und wir freuen uns über den fantastisch ausgebauten und ausgeschilderten Radweg Richtung Süden.

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Auf zirka 11 Uhr: Der im Stausee versenkte Kirchturm.

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Merke: auf 1300 Metern ist es recht kühl.

Kurz vor dem ersten “richtigen” Südtiroler Dörfchen überfahre ich eine Amsel, die sich in selbstmörderischer Absicht in mein Vorderrad wirft. Ich bin traumatisiert, weine ein bisschen und beerdige den armen Vogel am Wegesrand. C. steht mir bei und sagt, dass ich nichts dafür könne und mich nicht schuldig fühlen solle.

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Ich lächele tapfer, trotz großer Schuldgefühle und Trauer wegen der Amsel.

Wir rollen weiter bis Glurns, wo wir unseren ersten italienischen Cappuccino zu uns nehmen. Aus uns unverständlichen Gründen schmecken sämtliche Kaffeezubereitungen südlich der Alpen immer immer immer besser als zuhause. Obwohl das Dorf wirklich niedlich ist, und Mareike und D. uns hier ein tolles Hotel empfohlen haben, radeln wir weiter. Ist ja noch früh.

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Rechts geht’s zum Stilfser Joch. Doch ich habe gekniffen. Das Wetter und so. Das Abflussrohr dient übrigens als Ständer für den Anhänger.

Da wir so unglaublich trainiert und motiviert sind, würden wir gern bis Meran fahren. Mindestens. Doch plötzlich einsetzender, krasser Mega-Starkregen und ein unheimliches Gewitter durchkreuzen diesen Plan. Also bleiben wir in Castelbello und genießen (mittlerweile getrocknet und bei Sonnenschein) unser liebgewonnenes Abendritual, bei dem Schnitzel und nicht unerhebliche Mengen an Weißwein eine große Rolle spielen.

Außerdem plaudern wir mit einheimischen Imkern, die die Lokalität für ihre Jahreshauptversammlung ausgesucht haben und eine Tombola veranstalten, bei der man eine Bienenkönigin gewinnen kann. Wir sind kurz versucht, teilzunehmen. Doch die Imker erzählen uns, dass ihre Arbeit und die ihrer Tierchen immer schwieriger wird. In den Tälern werde auf den Obstbäumen soviel Gift gespritzt, dass die Bienen nach einer Saison tot sind. “Ein neues Volk bringe ich deshalb sofort auf 1500 Meter hinauf,” erzählt uns einer der Imker.

Tag 6
Wir betrachten die vielen Apfelplantagen, durch die uns der Weg führt, jetzt mit völlig anderen Augen. Erst an einem demeter-Anbau wagt es C., ein Fallobst zu stehlen und zu vernaschen. Ich finde das moralisch verwerflich und beiße demonstrativ in einen unserer Energieriegel. Dann sind wir in Meran. Die Stadt (Das Klima! Die Pflanzen! Der Blick!) erinnert mich an einen Thomas Mann-Roman.

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Wer radelt, darf auch trinken (Aperol Spritz) und ein Maskottchen haben (Hans, das Sockentier).

Doch anstatt mich hypochondrisch darnieder zu legen, gönne ich mir mein neues Lieblingsgetränk auf der Promenade.

Tag 7
Ruhetag in einem Ort, den wir “Gorgonzola” nennen, weil wir ständig vergessen, wie er richtig heißt. Wir fahren mit dem Zug nach Bozen und gehen ins Ötzi-Museum. Der Hammer! Wusstet Ihr, dass Ötzi ein Tattoo hatte? Und dass sich sogar die kleinen Federn hinten in seinen Pfeilen erhalten haben? Tausende von Jahren?! C. und ich sind aufrichtig begeistert.

(c) Südtiroler Archäologiemuseum - Augustin Ochsenreiter

Auf einer elektrisch verstellbaren Stufe blickt man durch ein Fenster auf Ötzi, der in einer äußerst speziellen Kühlkammer aufbewahrt wird (Foto: Südtiroler Archäologiemuseum/Augustin Ochsenreiter).

Tag 8
Alles wie immer: Wunderschönste Landschaft, Wahnsinnsberge, blauer Himmel, pittoreske Dörfer. Wir radeln bis Brixen. Hübsch! Gemütlich! Warum ist hier alles so schön?

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Egal wann, egal wo. Die Aussicht vom Rennrad ist jederzeit atemberaubend schön.

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Die Aussicht _auf_ das Rennrad, also Nessi, ist nicht weniger schön.

Tag 9
Tagesprogramm für heute: Den Brenner hochradeln. Kein Problem. Dafür bin ich ja hier. Da muss ich wohl jetzt durch rauf. Wir folgen der Bahntrasse entlang der alten Brennerstraße und schrauben uns Meter um Meter hinauf. Es ist anstrengend, aber nicht so schlimm wie ich dachte.

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On the top! Call me Hillgiiiiirl! Yeah!

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Der Beweis!

Brenner selbst ist leider unglaublich hässlich. Eine Mischung aus Lüttich und Marxloh. Wir tanken einen Liter Schorle und fahren dann – bergab! Und bergab. Und bergab. Vorbei an potentiellen Pensionen und Hotels. “Schau”, sagt C. plötzlich nach unzähligen Kilometern. “Hier geht es nach Mieders im Stubaital. Da haben wir früher immer Urlaub gemacht. Lass uns dort was suchen.” Aha.

Ich mache es kurz: Weitere 12 Kilometer mit zum Teil 10 Prozent Steigung, inzwischen leichter Regen, auf dem Tacho stehen 89 Kilometer, als wir in Mieders ankommen. Hat sich aber gelohnt.

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Blick aus unserem Hotelfenster auf die Serless. C. war schonmal oben. Und unsere Nichte Paula, als Skifahrerin überall in den Alpen unterwegs, wusste anhand des Fotos sofort um welchen Berg es sich handelte.

Tag 10
Bergab. Bergab. Bergab. Und plötzlich erstreckt sich das Karwendel-Massiv vor uns, und unter uns eine Stadt. Innsbruck.

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Von hinten nach vorne: Gebirge mit Wanderhütte, Innsbruck, C. mit Nessi.

Ich finde das sehr imposant. Wir rollen in die Stadt hinein, weil ich unbedingt das Goldene Dachl sehen will.

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Ein echt goldenes Dach. Ich wurde nicht enttäuscht.

Niederrheinisch flach, am Inn entlang, fahren wir bis Baumgarten in der Nähe von Wörgl. Dort machen gerade Freunde von uns Urlaub, und wir verbringen einen gemütlichen Abend zusammen. Sie haben drei Töchter, die C. die Nägel lackieren und mich mit Henna-Tatoos verschönern.

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C.s Daumennagel zeigt das Schalke 04-Logo. Nicht im Bild: Mein echt super verzierter Fuß.

Tag 11
Wir kennen uns in der Gegend wieder aus. Heimat. Hier cruisen wir sonst auf unseren Tagestouren von C.s Schwester aus herum.

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Kurz vor Mittag erreichen wir das Ortsschild für das obligatorische Selfie, das gleichzeitig das Ende unserer wunderbaren Radel-Reise markiert. Schee woar’s!

 

PS. Total nützliche Infos für Interessierte und Nachmacher

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In Bozen wurde uns der Cappuccino standesgemäß in Flamingo-Tassen serviert (Lenkt gut von dem Pickel auf meiner Nase ab).

 

Rucksack-Inhalt ( 5,2 kg):
– Ersatzhose
– Ersatztrikot
– Ersatz-Sport-Top
– Halstuch
– Windjacke
– Arm- und Beinlinge
– Socken
– Unterhosen (zu viele)
– Bikini
– Schlafshirt
– Kulturbeutel
– Jeans (nicht benutzt)
– Shorts
– 2 T-Shirts
– Hoodie
– Sandalen
– Sneaker
– Reisehandtuch (vom “Begleitfahrzeug” nach 7 km wieder abgeholt. Unnützer Ballast)
– Ladekabel
– Erste-Hilfe-Set (nicht benutzt)
– Den Rest (Handy, Portemonnaie, Tagebuch, Brillenetui) hat C. in seiner Reisetasche auf dem Fahrradanhänger verstaut.

1 Comment

  1. Könnt ihr bitte nochmal losradeln? Ich möchte Teil 3 lesen.

    Respekt für das Verarbeiten der Begegnung mit der suizidalen Amsel. Ich schätze, ich hätte die Reise traumatisiert abbrechen müssen.

    Lieben Gruß!

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