Unterwegs
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Habemus Höhenmeter

Ich habe die Eifel gemeinhin unterschätzt. Bis vor vier Tagen habe ich sie mir als ein düsteres, unwirtliches, bergiges Etwas voller dunkler Tannen vorgestellt, in dem eine Handvoll verschrobener Menschen in biederen Häusern wohnt. Wer hinfährt, hat Glück, wenn er überhaupt zurückfindet. Eine Folge der Serie “Pastewka” unterstreicht meinen Eindruck noch. Es ist wie das Bergische Land (düster, Schiefer, Regen) und das Sauerland (weiß man da eigentlich Genaueres?) gleichzeitig.

Ich möchte mich in aller Form entschuldigen. Die Eifel ist total schön! Das erstaunt mich selbst am meisten. Aber C. und ich haben das verlängerte Wochenende mit unseren Rennrädern in Prüm verbracht und sind total angetan. Et voilà, mein Eifel-Rennrad-Erlebnis-Brückentag-Wochenende:

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Diese Straße war sehr flach. Voll angenehm. Hat aber nur 300 Meter gedauert.

Also zuerst hatte ich ein bisschen Angst. Ich glaube, C. auch. Allein um aus Prüm heraus auf unsere Route zu kommen, geht es krass bergauf. Wenn ich hier wohnen würde, hätte ich auf jeden Fall ein E-Bike! Wie machen die das? Endlich biegen wir auf eine ruhige Nebenstraße ab. Es wird noch steiler. Ohne Ansage. Stelle fest, dass nur zweistellige Steigungen als Schilder angezeigt werden.

Oben reicht der Blick weit, ganz weit, über sanft gewellte, grüne Berge bis nach Belgien. Oder Luxembourg. Ein Greifvögel stürzt sich neben uns auf die Wiese und schwirrt knapp über C.s Kopf  Richtung Wald davon. Außerdem ist es hier still. Unglaublich still. Ich kann nur mein Keuchen und Nessis braves Schnurren hören.

Und das Schönste: Jetzt geht’s wieder runter! Aber wie! Oh. Yeah. Ich konzentriere mich auf den Asphalt vor mir, die Straßenführung und versuche, dosiert zu bremsen. Trotzdem stehen zwischendurch 51 km/h auf dem Tacho, und meine Hände sind ziemlich verkrampft.

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Grüne Wiesen und Windräder. Fast wie zuhause.

Und dann wieder hoch. Und runter. Und hoch undrunterundhochundrunter. Aber mir gefällt es, dass es nach den steilen Passagen relativ schnell auch wieder bergab geht. Die Psyche spielt ja beim Bergauffahren eine große Rolle. Und bei mir hat sie in der Eifel mitgespielt. Ich wollte kein einziges Mal, so wie früher zum Beispiel einmal in Bayern, mein Fahrrad in den Graben schmeißen und “Ich will nie nie wieder mit dir in Urlaub fahren, sondern nur noch Cluburlaub auf Fuerte machen!” schreien.

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Oben auf den Kuppen (oder Gipfeln?) herrschte eine prima Aussicht auf andere Kuppen und Gipfel.

Aber das Hochfahren ist trotzdem nicht weniger anstrengend geworden. Ich kurbele mich halbwegs munter ein mäßig steile Rampe hoch, als ich sehe, dass die Passage noch längst, noch lange nicht, geschafft ist, sondern hochgebirgsartige Serpentinen ansetzt und seeeeehr steil wird. C. ist meinen Blicken längst entschwunden. Eigentlich könnte ich rasch anhalten, ein winziges Päuschen machen und diesen Mount Everest gestärkt in Angriff nehmen. Könnte. Ich schaffe es nicht, mich auszuklicken, weil es so steil ist. Ich habe Angst, dann umzufallen. Überhaupt glaube ich, dass es hier senkrecht hochgeht. Plötzlich piept mein Garmin. So wie immer, wenn ich an einer Ampel stehen bleibe.

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Fix vorwärts, da hat mein Garmin nix zu piepen.

Nur dass ich gerade gar nicht stehe, sondern verzweifelt versuche, diesen Felsklotz hochzutrampeln. Oben wartet C., spart nicht mit Lob und sagt: “Dreh dich mal um!” An der Straße, die ich gerade hochgeächzt bin, steht ein Schild mit der Aufschrift “14%” (Es ist nicht das unten gezeigte Schild, übrigens. An dem ging’s bergab.) Ha! Ich! So steil! An dieser Stelle möchte ich Nico zitieren: “Call me Hillboooooooooooooy! Ich bin alle, aber die Freude ist groß.”

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Solche Schilder sehe ich am Niederrhein eher selten. Naja, gar nicht.

Nach zwei Tagen Höhenmeter einheimsen sausen wir am letzten Tag über eine ehemalige Bahntrasse von Prüm bis nach St. Vith in Belgien – Teil des Eifel-Ardennen-Radwegs übrigens. Er ist glatt, gerade und führt durch wunderwunderschöne Landschaft. Besonders abenteuerlich finde ich die Tunnel, die wir durchfahren müssen. In ihnen hausen sogar Fledermäuse. Obwohl die Strecke niederrheinisch flach ist, haben wir hinterher mehrere hundert Höhenmeter gesammelt. Und schnell sind wir bin ich auch nicht. Meine Beine haben Bergschwere.

Nichts als Wälder, wildromantische Bäche und diesen perfekt asphaltierten Weg. Und C., der davonsaust, als hätte er einen Motor unterm Sattel (Hatte er nicht).

Nichts als Wälder, wildromantische Bäche und dieser perfekt asphaltierte Weg. Und C., der davonsaust, als hätte er einen Motor unterm Sattel (Hatte er nicht).

C. muss mich abends aus dem Gasthaus fast in unser Zimmer tragen. Völlig geplättet verschlafe ich das Champions-League-Finale, bin aber ansonsten sehr zufrieden. Mein Verhältnis zu den Bergen hat sich jedenfalls nachhaltig verbessert. Und das zur Eifel auch.

Beim nächsten Mal darf's gern ein bisschen höher hinaus gehen.

Beim nächsten Mal darf’s gern ein bisschen höher hinaus gehen.


Total nützliche Infos für Interessierte und Nachmacher
Sehr schön und praktisch gewohnt haben wir im “Boarding House” des Hotels Goldener Stern mitten in Prüm. Inklusive Frühstück (naja) und Sauna (nicht ausprobiert) und Fahrradkeller (sehr nützlich) und exklusive Parkplatz.

Eine fantastische Spargelcremesuppe mit Limettensahne und eiskaltes Bitburger im Steinkrug gab es im supergemütlichen Bitburger Bierhaus gleich nebenan. Perfekte Wahl für Vegetarier (ich sag nur “Spinatgefüllte Maultaschen mit Wurzelgemüse”)

Auf der Suche nach dem besten Pfefferschnitzel? Dann ab in den Kölner Hof.

Bestellt in Belgien keinen Cappuccino!

Die Strecken, die wir gefahren sind, hat C. aus RTF-Strecken und von GPSies ausgewählt. (Links folgen)

PS. Nicht zu vergessen, die Tiersichtungen:
4 übermäßig große Greifvögel (Ich tippe fast auf Adler)
6 eifrige Waldmäuse
3 Eichelhäher
1 Reh
1 mannsgroßes Küken. Und weil ich weiß, dass mir niemand glauben wird, habe ich es selbstverständlich fotografiert:

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“Ik doe de catering voor de andere fietsers”, so das Riesenküken.

 

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Ich bin Annette (41) und radel gern mit Ranger, Bonnie und Schnurri durch die Gegend. Ansonsten arbeite ich als Journalistin und Autorin und trinke gerne Kaffee. Am liebsten in netter Gesellschaft. Seit zwei Jahren habe ich ein ernstzunehmendes Radsportproblem.

5 Comments

  1. Re-spekt! Das ist schon deutlich anderes Kaliber als die sogenannte Hinsbecker Schweiz.

    Wer sich zu noch Höherem berufen fühlt, kann auf der belgischen Seite zum Signal de Botrange auf dem hohen Venn hochkurbeln, das ist mit knapp über 700 m die höchste Erhebung Belgiens. Wenn man sagenwirmal von Aachen aus startet, kann man bequem auch noch den Vaalserberg mitnehmen, den höchsten Punkt der (europäischen) Niederlande mit immerhin 321 m.

    Ich wollte diese Runde mit den beiden höchsten Bergen der Nachbarländer voriges Jahr mal von hier aus starten, da kam mir dann die blöde Krankheit dazwischen, die mich fitnesstechnisch ziemlich zurückgeworfen hat. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

    Es ist jedenfalls sehr inspirierend, hier von Fortschritten zu lesen, zumal ich selbst noch in sehr guter Erinnerung habe, wie ich Flachlandtiroler anfangs die Dreifachkurbel brauchte, um die Hügelchen östlich von Düsseldorf ohne Herzkasper hochzukommen und trotzdem manchmal das Gefühl hatte, boah, das wird ja überhaupt nicht leichter.

  2. Werte Hillgirls,

    sind Berge nicht auch nur aufgepumpte Bodenuneebenheiten?
    Aber 14% sind schon recht ordentlich, da habt ihr ganz schön was geschafft!

    Kette rechts!

    Niko

  3. Annette says

    Hui, danke für Eure netten Kommentare! Und danke fürs Lob. Das tut so einem Hillgirl (die Autokorrektur will übrigens immer “Hellgirl” daraus machen) sehr sehr gut. Im Juli stehen die Alpen eine, so eine klitzekleine Alpenüberquerung, naja, zumindest der Reschenpass… aber ich fühle mich schon sehr viel besser gewappnet. Mehr noch: Freue mich sogar darauf.

    • Das ist die richtige Einstellung! Ich hatte mir vor meinem ersten Alpenpass (Jaufenpass, den Achenpass würde ich da nicht mitrechnen) nen Riesen-Kopp gemacht. Wenn man sonst wenns hoch kommt mal 200 Höhenmeter am Stück gefahren ist, denkt man, 1100 müssten mörderisch sein, aber es ging dann doch besser als erwartet.

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